Wider die Bevormundung der Poesie durch die Religion

By | 3. April 2016

"Sieben Legenden" - Gottfried Keller„…; denn wenn die himmlischen einmal Zuckerzeug backen, so gerät es zur Süße.“ (S.35)

Zum Inhalt: Angesiedelt in der Spätantike schildert „Eugenia“ die gesellschaftliche wie auch religionsphilosophische Odyssee der gleichnamigen Römerin hin zu einer geläutertern Beziehung zu dem von ihr geliebten Prokonsul Aquilinus unter dem Stern christlicher Wertvorstellungen von Liebe und Treue.
Das Mittelalter bietet den zeitlichen Rahmen der drei folgenden Erzählungen, deren zentraler Dreh- und Angelpunkt stets die – durchaus sehr weltlichen – Eingriffe der Himmelsmutter Maria darstellen. Hierbei ist die Darstellung Marias, v.a. was ihre Beweggründe und Motivation anbelangt, ausgesprochen weit vom klassisch katholischen und auch protestantischen Bild der Heiligen Jungfrau entfernt und in beinahe kabaretistischer Art humoristisch überhöht.
„Der schlimm-heilige Vitalis“ und „Dorotheas Blumenkörbchen“ sind ebenfalls wieder in der Antike verankert. In der ersten Erzählung könnte man den Mönch Vitalis einen Streetworker mit äußerst unorthodoxen Methoden im Rotlichtmilieu nennen. Diese seine Mission endet jedoch als „eine hübsche und liebenswerte irdische Jungfrau ihn hinters Licht führt, um aus dem »wackeren Martyrer einen noch besseren Ehemann zu machen«.“ 1) Beinahe eine Ode an die Entsagung diesseitiger Freuden präsentiert „Dorotheas Blumenkörbchen“, wobei auch hier Keller anklingen lässt, dass bei allem martyrerhaftem Gebaren der unglücklich Liebenden Dorothea und Theophilus der Egoismus die eigentliche Kernmotivation darstellt.
In der finalen Erzählung um die begeisterte Tänzerin Musa lässt Keller keinen Zweifel mehr daran, wie er den scheinbaren Widerspruch von unsinnlichem Christentum und weltlicher Muse aufzulösen dachte. Musa kommt hierbei nur in den Himmel, wenn sie in ihrem diesseitigen Leben dem Tanz entsagt, um sich für den vollkommenen Tanz der Seligen im Jenseits zu bewahren. Als in eben diesem Jenseits jedoch die neun Musen irdische Musik anstimmen, wird den Heiligen ihre Sehnsucht nach der diesseitigen Welt schmerzlich bewusst.

Einteilung:

Vorwort
Eugenia
Die Jungfrau und der Teufel
Die Jungfrau als Ritter
Die Jungfrau und die Nonne
Der schlimm-heilige Vitalis
Dorotheas Blumenkörbchen
Das Tanzlegendchen

Fazit: Den literarischen Kondensationskern resp. Anstoß zu den „Sieben Legenden“ findet Keller in der Lektüre der „Legenden“ des Pfarrers Ludwig Theobul Kosegarten, auf die er auch im Vorwort Bezug nimmt. Die „Sieben Legenden“ Kellers erschienen 1872 und erschlossen dem Autor u.a. einen großen Leserkreis – auch oder v.a. im Kreis des unpolitischen deutschen Bürgertums der Gründerzeit – und ermöglichte es ihm zusehends mehr als freischaffender Autor Fuß zu fassen. Die parodistischen Ansätze und der persiflierende Humor, der nicht nur zwischen den Zeilen erlesen werden kann, machen die Lektüre der Novellen zu einem kurzweiligen Ausflug in eines der Schlüsselwerke von Kellers Erzählkunst.

Zum Buch: Die Heftung dieses Buches erfolgte mittels Metallklammern, welche über die Jahre leider durch den Einfluss der Luftfeuchtigkeit stark gelitten haben (siehe hier). Ebenso war im vorliegenden Exemplar die Leimung des Rückens gebrochen. Ansonsten sind Umschlags- und typografische Gestaltung schön realisiert, wobei die Frakturschrift dem Text zusätzlichen Charme verleiht.

Buchdaten:

  • Titel: „Sieben Legenden“
  • Autor: Gottfried Keller
  • Umfang: 80 Seiten
  • Verlag: Insel-Bücherei (1941)
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,8 cm

1) Kindlers Neues Literaturlexikon (1988/1998), Bd. 9, S.286

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