„Wirtshaus Zum Müden Gaul“ – Rezension zu „Vom Himmel hoch“ von Gerhard Branstner

By | 24. Januar 2016

Umschlagbild - "Wirtshaus Zum Müden Gaul" - Gerhard Branstner„Das Selbstverständliche aber ist ohne Reiz. Deshalb sollte man nichts als selbstverständlich nehmen. Ich halte es geradezu für die oberste Regel der Lebenskunst, alles im Leben, das Große, wie das Kleine, so lange zu drehen und zu wenden, bis wir etwas ganz Unselbstverständliches aus ihm herauszuholen vermögen. Erst dann genießen wir das Leben vollständig.“ (S.79)

Zum Inhalt: Sie sind in die Jahre gekommen die vier Senioren Stroganoff, Kraftschyk, Wirsig und Fontanelli. Allesamt Weltraumveteranen deren weitaus spannendste Zeit hinter ihnen liegt und die in Erinnerungen – von denen sie nicht wenige haben – schwelgen. Um nicht vollends in Lethargie und eingeengt melancholische Geschichtsbetrachtungen zu verfallen macht Kraftschyk, seineszeichens Physiker, den Vorschlag, man könne sich doch jeden Donnerstag abends im „Wirtshaus Zum Müden Gaul“ treffen, sich „fortan nur noch ausgemachte Lügengeschichten zu erzählen“ (S.8), um sich angenehm zu unterhalten. Der „Müde Gaul“ ist dabei ein als mittelalterliche Schenke eingerichteter Bereich in der Orbitalstation „Bambino“, welche als Altersheim dient, mit einer spektakulären Sicht auf Mutter Erde und den Weltraum. In klassischer SF-Manier werden Anekdoten von verrückten Robotern, Familienausflügen an den Atmosphärenrand, gefährlichen Expeditionen zu unerforschten Planeten und nicht zuletzt über die Problematik der Zeitdilatation zum Besten gegeben. Dies alles eingebettet in den zeitlichen Ablauf von drei Donnerstagen und die anregende Gesellschaft der vier Männer, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken, denn „Raumfahrer sind ja ein eigenes Völkchen und spinnen ihr eigenes Schiffergarn, das seine unerschöpfliche Quelle in den überalterten Theorien oder absurdum geführten Hypothesen hat.“ (S.40)

Fazit: Der Band „Vom Himmel hoch“ erschien in der Reihe SF Utopia als 6. von insgesamt 44 Taschenbuchausgaben. Mit den Lügen-Geschichten der vier Protagonisten wird Branstner seinem Ruf als ausgesprochen humorvollem Science-Fiction Autor einmal mehr gerecht. Dabei bereitet es ihm sichtlich Vergnügen den Leser immer wieder wie den sprichwörtlichen Esel auf’s philosophische Glatteis zu führen, um aufzuzeigen, dass auch in oberflächlich einfachen Geschichten eine oftmals dialektische Tiefe stecken kann, die sich nicht sofort erschließt oder gar aufdrängt. Diese unterhaltsame Gehirnakrobatik verleiht dem Raumfahrerlatein Charme und Esprit, dessen Umsetzung außerordentlich gut gelungen ist.

Zum Buch: Die Verleimung des schmalen Bändchens ist für die Größe ausreichend, wenn auch nicht sehr gut, realisiert. Der Druck  zeigt sich akzeptabel ausgeführt, mit kleineren Ausreißern, die dem Lesefluss jedoch keinen Abbruch tun. Bedruckstoff und Buchdeckel sind dem Preis (4 DDR Mark) entsprechend von nicht all zu hochwertiger Qualität, aber keineswegs schlecht.

Buchdaten:

  • Titel: „Vom Himmel hoch“
  • Autor: Gerhard Branstner
  • Umfang: 124 Seiten
  • Verlag: Verlag Das Neue Berlin (1982
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 3409-160/146/82 – LSV 7004
  • Größe: 17,7 x 10,8 x 0,6 cm

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