Zamonische Cerebrologie – Rezension zu „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ – Walter Moers

By | 18. November 2017

Zamonische Cerebrologie - Rezension zu „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“ – Walter Moers„Aber so ähnlich stelle ich mir den Schlaf vor: eine vorübergehende Erholung vom Sein.“ (S.250)

Zum Inhalt:

Dylia, von Geburt und Beruf Prinzessin, leidet an einer Krankheit: sie vermag so gut wie gar nicht zu Schlafen. Schlafen in der Selbstverständlichkeit, die jedem „normalen“ Wesen regelmäßig die Lider schwer werden lässt und es in das Land der Träume entführt.

Nicht nur, dass Dylia damit einen ganzen Stab an unterschiedlich begabten Medizinern, überschätzten Quacksalbern, höfischen Angestellten und nicht zuletzt sich selbst ständig auf Trab hält, sie beginnt mit ihrer so „gewonnenen“ Zeit eine Vielzahl teils grenzwertig schräger Beschäftigungen nachzugehen, um nicht aus Langeweile völlig durchzudrehen. Besonders ihre leidenschaftliche Vorliebe – und ausgeprägte Begabung – für Sprache(n) in Kombination mit einer schier endlosen Fantasie leisten ihr dabei unschätzbare Dienste.

So ist Dylia wenig überrascht, als sich ein Wesen von schillernder Faszination und ebensolcher Exotik in ihrem Bett – unpassenderweise atemraubend auf ihrer Brust – niederlässt und sich schlicht als Vertreter der Zunft der Nachtmahre vorstellt. Opal, so der Name dieses Geschöpfs macht gleich gar keinen Hehl aus seinem Auftrag, die Prinzessin nach allen Regeln der nachtmahrschen Kunst in den Wahnsinn treiben zu wollen – dies sei schließlich seine Aufgabe, sein Lebenszweck –, da es ja scheins mit der geistigen Gesundheit Dylias ohnehin nicht weit her sein könne. Schließlich müsse man dem Schlafentzug doch seinen Tribut zollen, Aristokrat hin oder her. Denn: „»Die Nachtmahre verwalten das Alptraumgeschäft. Wir, nun ja: organisieren alles«“ (S.77), so seine lapidare Rechtfertigung.

Es wäre jedoch nicht die selbstbewußte, lebenshungrige Dylia, würde sie die sprichwörtliche Flinte so schnell ins Korn oder den Verstand nebst Körper so schnell aus dem Fenster über die hohen Burgmauern werfen. Vielmehr trifft sie eine Vereinbarung mit Opal, ihn auf dem Weg zu den dunkelsten Ecken ihres Gehirns zu begleiten, nur um zu beweisen, dass sie sich ihren Dämonen zu stellen vermag ohne die Segel zu streichen – lies dem Wahnsinn anheim zu fallen.

Abenteuer beginnen im Kopf! Dieser Aphorismus bewahrheitet sich daraufhin auf alle nur erdenklichen Weisen auf der Reise Dylias und Opals durch die düsteren Abgründe, verwinkelten Untiefen, aber auch atemberaubenden Wunder des außergewöhnlichsten Gehirns, das Opal, nach eigenen Angaben, in seiner langen Karriere als Nachtmahr je gesehen hatte. Alles mit dem Ziel ins dunkle Herz der Nacht zu gelangen.

Opal und Dylia wohnen Ideengeburten bei, müssen sich vor Zergessern in Sicherheit bringen, begegnen Hirnschnecken und der Dylia so vertrauten Gehirnspinne in deren Schatzkammer, machen Bekanntschaft mit der Bürokratie der Egozetten, lernen das Flimmen und treiben sich auf dem Friedhof des Humors herum.

Auf eine fast morbide Art und Weise kommen die beiden sich näher, stets eine Schar Zwielichtzwerge im Schlepptau. Keinesfalls jedoch verliert Opal seinen Auftrag aus den Augen, seine Klientin in den Wahn zu treiben. Schließlich steht ja auch seine Berufsehre auf dem Spiel…

Fazit:

In der ihm eigenen liebevollen, frechen, teil etwas düster sarkastischen, aber stets mit einem Augenzwinkern zamonisch lebensbejahenden Art legt Moers seine Reise in einem der mysteriösesten Gebiete des Universums an: dem menschlichen Geist. Das durch diese Zeilen ein etwas anderer Geist weht, als durch jene des Schrecksenmeisters, Rumo, die Stadt der träumenden Bücher und einige mehr, gibt dem Text ein besonderes Flair. Es befremdet vielleicht Anfangs sogar ein wenig. Sich auf den Stil sowohl in Erzählweise, wie auch künstlerischer Expression der Bilder einzulassen wird mit einem irisierenden Leseerlebnis belohnt, welches man noch weit über die letzte Zeile hinaus weiterempfinden möchte.

Die Auseinandersetzung mit einer in Realiter existierenden Krankheit (ME/CFS)1) auf diese Art und Weise nötigt mir den denkbar größten Respekt sowohl für Autor als auch Künstlerin ab. In seiner Nachbemerkung zum Buch nimmt Walter Moers darauf auch bezug, mit klaren, unmißverständlichen Worten auf den Punkt bringend, dass der Planet Conatio aus der Geschichte seine sehr reale Entsprechung in unserer Wirklichkeit hat. Und wer könnte dies besser festhalten, als eine Betroffene wie Lydia Rode, deren gestalterische Handschrift den Text in mannigfach schöner Art im wahrsten Sinne des Wortes ergänzt, zu einem stimmigen, ausdrucksstarken Ganzen macht.

Zum Buch:

Mit Fug und Recht darf man den Band aus der Druckerei CPI books GmbH als rundherum gelungen und schön bezeichnen. Typografie und Farbgebung harmonieren, Bindung, Druckbild und Haptik sind vorbildlich, selbst die Farbe des Lesebändchens wurde mit Bedacht auf das Gesamtbild gewählt. Der im Text stets wiederkehrende Wechsel zwischen Opals und Dylias Sicht der Geschichte findet sein stimmiges Pendant in dem Unterschied zwischen dunkel gehaltener Schutzhülle und den hellen, farbenfrohen Buchdeckeln. Die feinen, stets themenbezogenen Illustrationen Lydia Rodes geben dem zamonischen Universum eine Facette, die so noch nicht existierte: fein ziseliert, farbig, frech, lebendiger denn je. Ein buchbinderisch, künstlerisch und gestalterisch markantes Kleinod für jedes Bücherregal.

Buchdaten:

  • Titel: „Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr“
  • Autor: Walter Moers
  • Umfang: 336 Seiten
  • Verlag: Albrecht Knaus Verlag 2017
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-3-8135-0785-0
  • Größe: 24,5 x 18,0 x 3,4 cm

1.) ME = Myalgische Enzephalomyelitis, CFS = Chronisches Fatigue- oder Erschöpfungssyndrom; weitere Informationen dazu auf der Webseite der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.