Zeitenwandel – Rezension zu „Sprung ins Chronozän“ – Hrsg.: Peggy Weber-Gehrke

By | 10. März 2018

Zeitenwandel – Rezension zu „Sprung ins Chronozän“ – Hrsg.: Peggy Weber-Gehrke„Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.- Friedrich Nietzsche“ (Pos.384)

Zum Inhalt:

Chronos repräsentierte in der griechischen Mythologie den Gott der Zeit, einen Verwalter, einen Herrscher auch über jene Spanne, deren Ereignisse wir unter dem Begriff Lebenszeit subsumieren. Damit wären auch bereits zwei der zentralen Ideen benannt, deren Klammer in durchaus auch engerem Sinne die 6 Kurzgeschichten umschließt: Zum einen Gott, resp. seine Ausformung als Idee in einer Religion, in Mythen, in Ritualen, und des in der Science-Fiction beinahe omnipräsenten und schillernden Konstruktes, welches wir Zeit nennen – wie auch immer man es letzten Endes definieren möge.

Zeit die verstreicht auf Reisen – eine Thema beinahe aller vorliegenden Geschichten –, Zeit als eigene Entität außerhalb des klassischen Einsteinuniversums – zu finden par excellence in „Sprung ins Chronozän“, Zeit als Komponente in der selbstbestimmten Mensch-Werdung, sei dies in höchstem Maße individuell – so in Achim Stößers an klassische Entwicklungsromane, abgesehen von der Länge, erinnernde „Hurz“ – oder als größer gedachtes Ganzes einer isolierten Gesellschaft, wie in Galax Acheronians „Überlebende ihrer Art“.

Die Texte „Das Artefakt“ und „Trolltrupp“ werfen weiters, aus unterschiedlicher Perspektive, jedoch nicht minder mahnend, eine Frage auf, die aktueller nicht sein könnte: Ist es dem Menschen als sozialisiertes Wesen möglich sich auf vollkommen Neues einzulassen, ohne in ein archaisches Verhalten zu verfallen, welches ein Überleben zwar unter neolitischen Prämissen ermöglicht haben mag, das aber an seine Grenzen stößt, sobald Kulturen aufeinander treffen. Der archaische Reflexbogen von Flucht oder Angriff erscheint dabei nur sehr bedingt erfolgreich zu sein.

Eine für mich besonders ins Auge springende These, welche zwar pessimistisch, jedoch durchaus nicht a priori von der Hand zu weisen wäre, findet sich in Rico Gehrkes „Sprung ins Chronozän“ und bringt einen Aspekt der Suche nach intelligentem Leben im Kosmos in einen Kontext, den die Menschheit, sofern sie sich denn als intelligent definieren will, als Arbeitshypothese in Betracht ziehen sollte/muss: „Nur das intelligente Wesen ist in der Lage, Dinge zu tun, die auf den ersten Blick zu seinem eigenen Schaden sind. Nutzlose Dinge, unlogische. Der Affe zum Beispiel, käme nie auf die Idee seinen Wald abzuholzen. Die Fische würden nicht ihr Meer vergiften, die Rindviecher nicht ihre Weiden betonieren. Das mache nur wir. Kurz gesagt, wir müssen im All nur nach kaputten, dreckigen Planeten Ausschau halten und – »Bingo!« – da haben wir die Verstandeskollegen. Genial, oder?“ (Pos.47)

Enthaltene Texte:

  • Sprung ins Chronozän – Rico Gehrke
  • Überlebende ihrer Art – Galax Acheronian
  • Hurz – Achim Stößer
  • Das Artefakt – Fabian Tomaschek
  • Trolltrupp – Galax Acheronian
  • Rauschen – Rico Gehrke

Fazit:

Die vier Autoren, welche in dieser Sammlung vertreten sind, unterhalten auf durchaus hohem Niveau und mit, sowie in den unterschiedlichsten Szenarien, Hintergründen und Erzählrahmen. Manche Aussagen erscheinen grenzwertig polemisch, liegen aber im Rahmen der erzählerisch künstlerischen Freiheit des Schreibenden. Fordernd im durchweg positiven Sinne ist u.a. die Erzählung „Rauschen“, legt sie doch einen anfangs etwas sperrigen, mit fortschreitender Lektüre jedoch, stimmigen Stil an den Tag, der sich erheblich von den anderen Texten unterscheidet.

In Summe eine durchaus lesenswerte Sammlung, die sicher den ein oder anderen Leser dazu bewegen wird, auch andere Werke der Autoren wahrzunehmen, resp. in sein Leserepertoire zu integrieren.

Buchdaten:

  • Titel: „Schnee von Morgen“
  • Hrsg.: Peggy Weber-Gehrke
  • Ausgabe: Kindle Edition (605 Seiten Print)
  • Verlag: Verlag für Moderne Phantastik Gehrke; Auflage: 1 (23. Feber 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B077S9Z3XC
  • Dateigröße: 703 kB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die ePub-Version des Rezensionsexemplares

P.S.: Die Namenswahl des Raumers „Aristarch“ als Reminiszenz an einen der ersten Denker, die das heliozentrische Weltbild als Denkmöglichkeit erachteten – Aristarch von Samos –, fand ich interessant.

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