Zerstörende Besessenheit…

By | 14. November 2015

Zerstörende Besessenheit... - "Lolita" - Vladimir Nabokov„Nichts ist grausamer, als ein vergöttertes Kind.“ (S.184)

Zum Inhalt: Humbert Humbert, seineszeichens Literaturwissenschafter, ist des Mordes angeklagt. Des Mordes an seinem Nebenbuhler um die Gunst seiner Lolita. Er schreibt den Text als Geständnis, als Aufarbeitung der Ereignisse rund um die sehr einseitige Liebesbeziehung zu Lolita, die 1947 begann. Damals lernte er das zwölfjährige Mädchen kennen als er zur Untermiete bei Charlotte Haze einzog, welche er einige Zeit später ehelicht. Seit frühester Jugend bereits zieht es Humbert zu kindhaft jugendlichen Mädchen, die er im Gegensatz zu den anderen als Nymphchen bezeichnet und deren archätypische Ausformung er im wahrsten Sinne des Wortes in seiner Lolita  verkörpert sieht.

Nach dem Tod von Charlotte bei einem Autounfall, glaubt Humbert nun seinem Glück mit Lolita stünde nichts mehr im Wege. Die Erkenntnis, dass er jedoch mehr und mehr zur Marionette dieses bei weitem nicht so unschuldigen Nymhpchens wird, nagt immer mehr an seinem Selbstwertgefühl, an seinem Selbstbild, seiner Person und treibt ihn zu einem nicht nur emotional unsteten Leben, was sich äußerlich in einer neunmonatigen Fahrt durch die USA niederschlägt, stets auf der Hut vor Moralisten, Spießbürgern und der Staatsgewalt.

Hierbei zieht Lolita immer wieder gekonnt die psychologischen Daumenschrauben fester, sobald eine Nachlassen der Aufmerksamkeiten ihres „Geliebten“ droht oder er ihren Wünschen nicht zu entsprechen gedenkt. Letzten Endes verlässt Lolita Humbert eines Tages und trotz intensiver Suche scheint sie für ihn nicht mehr auffindbar, was man als Allegorie für das Fortschreiten der Zeit und dem unwiederbringlichen Enden der Jugend Lolitas ansehen kann.

Um die Tragik der Lebenslinien herauszuarbeiten, lässt Nabokov seinen Hauptcharakter Humbert die Geliebte wieder sehen. Mittlerweile verheiratet, schwanger und in finanziellen Nöten bittet sie ihn um Unterstützung, die er auch gewährt, erkennend dass zur Zerstörung ihrer beider Leben er einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet hat.

Fazit: Sie ist verstörend, die Geschichte der Beziehung zwischen Lolita und Humbert Humbert. Verstörend aus moralischen Gesichtspunkten, aus soziologischen Erwägungen und in ihrer literarisch handwerklichen Ausführung. Empfindet man im ersten Teil noch H.H. als denjenigen, der die sprichwörtlichen Fäden in Händen hält, wird man, ebenso wie H.H. selbst, durchdringend schnell eines Besseren oder vielmehr Anderen belehrt.

Dieses schwärend Andere, sich in dem Getrieben-Sein Humberts äußernde vereinnahmt nicht nur die Charaktere Humberts und Lolitas, sie zieht auch den Leser in den Strudel der Geschehnisse hinein, ohne ihm den seichten oder leichten Ausweg moralische platter Vorurteile als Ausweg aus dem Dilemma anzubieten. Nabokov will eben diesen moralischen Zeigefinger keinesfalls erhoben wissen. Wer diesen im Text zu finden vermeint, trug ihn selbst hinein, herauslesen lässt er sich nicht.

„Es gibt sanfte Seelen, die Lolita als bedeutungslos bezeichnen würden, weil sie keine Lehre daraus ziehen können. Weder lese noch schreibe ich didaktische Prosa, und trotz der Versicherung John Rays hat Lolita keine Moral im Schlepptau. Für mich existiert ein Werk nur in dem Maße, wie es mir das gewährt, was ich rundheraus als ästhetisches Vergnügen nennen möchte – ein Gefühl, irgendwie, irgendwo mit anderen Seinsumständen in Berührung zu sein, bei denen Kunst (Neugier, Zärtlichkeit, Leidenschaft) die Norm ist.“ (S.347)

Zum Buch: Der fadengebundene Buchblock präsentiert sich sauber verarbeitet zwischen aufreizend roten Leinenbuchdeckeln. Die typografische Gestaltung ist unauffällig, solide, ja fast bieder und von einer Klarheit geprägt, die das Lesen unaufdringlich leicht gestaltet. Als Bedruckstoff wurde für diese Lizenzausgaben der Bertelsmann Club GmbH ein helles, haptisch angenehmes Papier gewählt. In Summe von der Verarbeitung her ein sehr schön gestaltetes Buch von schlichter Ästhetik.

Buchdaten:

  • Titel: „Lolita“
  • Autor: Vladimir Nabokov
  • Umfang: 362 Seiten
  • Verlag: EBG Verlags GmbH, Kornwestheim
  • Sprache: Deutsch
  • Buchnr: 00281 6
  • Größe: 21,1 x 13,2 x 2,7 cm

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