Zugehört – Rezension zu „Das Freitagsinterview“ von Sigrid Kleinsorge

By | 5. November 2016

Zugehört - Rezension zu „Das Freitagsinterview“ von Sigrid Kleinsorge„Fremd und bizarr
wie ein Eisberg
in der Tiefe verborgen,
ein Leben.“ (Pos.51)1)

Zum Inhalt:

Darauf war Johanna nicht vorbereitet, dass ein vor zwei Tagen gehörtes Interview sie so aus ihrem Alltag katapultieren könnte. Dabei war es weniger das Gesagte als vielmehr die Stimme sie einen Faden aufnehmen lässt, den sie längst verschüttet glaubte, jedoch nie wirklich vergessen hatte. Sie beschließt diesem Erinnerungsfaden zu folgen, suchend nach einem als verschollen geltenden Bruder, was sich nicht nur anfangs als seelische Schwerarbeit entpuppt. „Sie sucht nach weiteren Erinnerungsfetzen, doch ähnlich wie bei den metallenen Vögeln am Himmel, die in alle Welt unterwegs sind, bleibt nur eine sich auflösende Spur zurück.“ (Pos.101) Im fremden und befremdlichen Lebenslauf des einst geliebten Verwandten Fuß zu fassen, um in dessen Spuren vor und zurückzugehen verdichtet und lichtet sich der Zeitennebel  in gleicher Weise. Und doch wird Johannas Hartnäckigkeit belohnt. Licht gelangt an dunkle Orte ihrer Familiengeschichte geprägt von Nachkriegswirren inmitten zerbombter Schicksale, zerrütteter Familien, Repressalien der Stasi, dem begraben von Hoffnungen und der Suche nach Antworten. Für Johanna, die stets „anfällig für Dissonanzen“ (Pos.159) war, fühlen sich die ungeklärten Schatten über Jahrzehnte hinweg wie Splitter im Nagelbett an.
Mit der Spur, die ihr dieses Interview, diese beinahe aufgezwungene Zeitreise, eröffnet, sieht sie die Möglichkeit Seiten ihrer Biografie zu ergänzen, die bis dahin von einer schmerzlichen Leere erfüllt waren. Ergänzungen, die sie in den Aufzeichnungen ihres Bruders, den dadurch wiederbelebten Erinnerungen und den Gesprächen mit Vertrauten findet. Was sie dabei zusammenzustellen vermag, gibt den Blick gleichermaßen frei auf unsägliches Martyrium von Menschen, deren Orientierung eine andere als die der Herrschenden war, wie auch auf Mitmenschliches, auf unerwartete Hilfe und den Willen zu Überleben. Dabei kommt es ihr oft „wie gestern vor und zugleich muss sie einsehen, dass die Zeit fortgeschritten ist, mit einer Unerbittlichkeit, die sie ihr nicht zugetraut hat, als sie jung war.“ (Pos.1457)

Fazit:

Sigrid Kleinsorge ist ein konturenreicher Text gelungen, dessen emotionale Erschütterungen nachwirken. Ausgezeichnet durch strukturelle und sprachliche Klarheit, die einerseits beinahe fatalistisch beschreibend den Leser fesselt, zum anderen hoffnungsschwer die unbändige Kraft individueller Resilienz aufzeigt. Nicht nur das Sensorium für jene Welt, die Menschen im Innersten ausmacht, sondern auch die seltene Gabe dies eindringlich, aber ohne weltfremdes Pathos zu artikulieren ist ihr bereits in vorangegangenen Texten gelungen (so z.B. „Die Abuela“„Das Trio“, „Das achte Zimmer“, „Und vergib uns…“). Nahtlos, im positivsten Sinne, reiht sich diese Erzählung ein und erweitert das Œuvre der Schriftstellerin um ein weiteres empfehlenswertes Werk.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Freitagsinterview“
  • Autorin: Sigrid Kleinsorge
  • Ausgabe: Kindle Edition (95 Seiten Print)
  • Verlag: Sigrid Kleinsorge (16. Oktober 2016)
  • Lektorat: Martina Leiber
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01MCUUUTL
  • Dateigröße: 395 kB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die Kindle-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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