Abgesang auf das Geschriebene? – Rezension zu „Die Schrift“ von Vilém Flusser

By | 2. März 2019

"Die Schrift" - Vilém Flusser„Texte sind Halbfabrikate. Ihre Zeilen eilen einem Schlußpunkt zu, aber über diesen hinaus einem Leser entgegen, von dem sie hoffen, daß er sie vollende. Ob sich der Schreibende dessen bewußt ist oder nicht, ja sogar gleichgültig, ob er wie Kafka ausdrücklich auf den vollendeten Leser verzichtet, Texte sind ein Suchen des anderen.“ (S.38)

Zum Inhalt:

Vilém Flussers Text ist in jedem Fall eine Herausforderung, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen hinterfragt erauf äußerst eloquente und vielleicht gerade deswegen schmerzhafte Weise die liebgewonnen Auffassung der Beständigkeit des Schreibens und des Geschriebenen. Der Fluss der Argumente unterspült jene Tragenden Säulen, auf die wir unsere Bildung, unser historisches Verständnis, unsere Definition eines essentiellen Kulturgutes stützen. Der Autor macht auch keinen Hehl aus seiner Absicht provokativ zum Nach-Denken herauszufordern: „Ein Essay ist Versuch, andere zum Überlegen anzuregen, sie zu Nachträgen zu bewegen.“ (S.143)

Geschult in philosophischer Argumentationstechnik liefert Vlusser dabei über weite Strecken einen durchwegs schlüssigen, nachvollziehbaren roten Faden, sofern man sich auf die Prämissen seines Ausgangspunktes und die teils etwas sehr gewagten Schlüsse einlässt. Prämär scheint es ihm um die Anregung einer Diskussion, eines Wachrüttelns zu gehen, weshalb er auch das Werkzeug des Essays gewählt hatte.

„Die Überlegungen in diesem Text legen nahe, daß es im Grunde nur zwei Ausbruchsrichtungen aus der Schrift gibt: zurück zum Bild oder vorwärts zu den Zahlen.“ (S.143) Mit ebendieser Dichotomie sieht man sich als Leser*in quer durch den Text konfrontiert, wobei Flusser dabei neben klar nachvollziehbaren Argumentationsketten auch (sprach-)philosophische Abwege beschreitet, deren holprige verschlungene Wegführung schon mal aus der Bahn werfen kann.

Seine Extrapolationen zum Thema Computertechnik, deren Einfluss auf die Schrift, sowie Implikationen von KI-gestütztem Verfassen, sowie Interpretiern von Texten machen seine Überlegungen nach wie vor zu aktuellem Lesestoff. Fordernd, so könnte man Flussers Essay nennen. Fordern im Sinne der ersten Textperzeption, bemüht er doch nicht selten ein breites Repetoire an Analogien, die ein umfassendes humanistisches Bildungskonzept als bei der Leserschaft gegeben voraussetzen. Fordernd in einem zweiten Sinne, rüttelt doch sein Zukunftsbild von Schrift, von Historizität, ja von kultureller Identität an den Grundfesten des abendländischen Bildungskanons.

Fazit:

In der Rubrik „Zu diesem Buch“, stößt die Leser*in gleich zu Beginn auf folgendes Statment: „Vilém Flussers ebenso geistreicher wie witziger Essay ist der bisher überzeugendste Versuch, die Schriftkultur aus der Perspektive ihres möglichen Endes neu zu überdenken.“

Einige, wenn auch bei weitem nicht alle, Gedankengänge Flussers sind durchweg nachvollziehbar. Unter Bedachtnahme auf so manchen Facebook- oder WhatsApp-Beitrag könnte man in der Tat oft in Trübsal verfallen, glaubend man sei nur noch von Sprachspastikern umgeben, deren Vomitieren unzusammenhängender Sprachergüsse ihre einzige Daseinsberechtigung zu sein scheint. Nichts desto Trotz erscheint mir, als hätte die Entwicklung der Schrift, v.a. aber der Nutzung der Schrift viele der Theorien oder gar Prophezeiungen Vlussers eine Abfuhr erteilt.

Es haben auch nicht Disketten und Piktogramme die Herrschaft über den Intellekt des Menschen angetreten. Obwohl es an manchen Tagen so scheinen mag als wäre die Welt meiner Mitmenschen auf 5-11 Zoll flache Scheibenwelten kondensiert, deren Faszination jener Terry Pratchetts offensichtlich nicht nachsteht.

Zum Buch:

Ein Buch von stilistisch und drucktechnisch hoher Qualität hält man mit dem vorliegenden Band nicht in Händen. Der Band aus dem Fischer Taschenbuchverlag sticht wenn überhaupt, dann durch seine archaische Schlichtheit heraus. Die Umschlaggestaltung von Buchholz / Hinsch / Hensinger ist minimalistisch, um es nett zu formulieren, wobei die Imprägnierung der Buchdeckel positiv auffällt. Der Bedruckstoff ist haptisch gut gewählt, wenn er auch sehr leicht zum Vergilben neigt. Würde man alle Bücher in der Art dieses Textes typografisch gestalten wäre mit einem Verschwinden der Schrift als kulturell ästhetischer Errungenschaft wahrlich nicht großes zu verlieren. Mit „Nebensächlichkeiten“ wie textuell gestalterischer Formschönheit hält man sich hier nicht lange auf. Die Verleimung des Buchblockes ist hingegen stabil realisiert, lässt wenig Platz für Beanstandung und verleiht dem Buch sein Eignung als wiederkehrende Arbeitsunterlage.

Buchdaten:

  • Titel: „Die Schrift“
  • Autor: Vilém Flusser
  • Umfang: 144 Seiten
  • Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag; 6.-7. Tausand: Dezember 1993
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN: 3-596-10906-X
  • Größe: 19,7 x 13,2 x 4,5 cm

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