Des Wassers Wesen – Rezension zu „Das Gericht des Meeres“– Gertrud von le Fort

By | 10. November 2018

Des Wassers Wesen – Rezension zu „Das Gericht des Meeres“– Gertrud von le Fort„… ja wahrlich auf dem Meer wurden alle Dinge offenbar!“ (S.27)

Zum Inhalt:

Der Britenkönig Johann gerät bei der Querung des Ärmelkanals mit seinen Schiffen, auf denen sich auch seine Gemahlin und der junge Prinz befinden, in eine langanhaltende Flaute. Der Prinz – noch ein Säugling – leidet an einer heimtückischen Schlaflosigkeit, die ihn auszehrt, da er auch jede Nahrung verweigert.

Man besinnt sich darauf, dass in dem Schiffskonvoi auch eine bretonische Gefangene mit Namen Anne de Vitré an Bord ist. Nach anfänglichem Widerstand – immerhin hatte Johann den Herzog der Bretonen im Kindesalter verschleppt und ermordet, wodurch er an Rache der Anne am Prinzen glaubt  – gibt Johann dem Bitten der Königin nach und lässt Anne zum Prinzen bringen.

Anne soll die Gabe besitzen durch ihren Gesang Menschen in den Schlaf, aber auch in den Tod singen zu können. Hin- und hergerissen zwischen Rache an ihrem Erzfeind und dem unschuldigen Leben des kleinen Prinzen entscheidet sich Anne gegen die Tötung des Jungen. Vielmehr gewährt sie ihm durch ihren Gesang einen heilenden Schlaf. Dabei hält sie immer wieder Zweisprache mit dem Meer, welches das Opfer als Sühne für den Bretonenherzog einfordert.

Burdoc, ein Bretone aus dem Hofstaat Johanns, erbost über den scheinbaren Verrat Annes wirft diese über Bord, so dass das Meer nun doch noch ein Opfer erhält. „Denn im Lande gibt es Länder und Höhlen, da gibt es finstere Schlösser mit schaurigen Verliesen, da können die bösen Geheimnisse sich leicht verbergen – aber auf dem Meer werden alle Dinge offenbar.“ (S.8)

Fazit:

Es geht Gertrud von le Fort in diesem Text darum, anhand der Anne de Vitré die Zerrissenheit zwischen scheinbar gerechter Rache und dem Wert unschuldigen Lebens als Pfand herauszuarbeiten.

Die Frage nach der Autonomie, dem inneren Kompass dessen, was wir als Gewissen verstehen stellt sich hierbei stets aufs Neue. Selbst in Hinblick auf eine fordernde höhere, beinahe gottähnliche Instanz – repräsentiert durch das Meer – wird der Mensch nicht von seiner moralischen Verantwortung freigesprochen.

Aus meiner Sicht nicht le Forts bester Text, aber durchaus einer näheren Betrachtung wert, zumal er auch in einem ansprechend bibliophilen Gewand seinen Niederschlag findet.

Zum Buch:

Fadenheftung, individuelle Einbandgestaltung, ein sauberer Druck und eine sehr lesefreundliche typografische Gestaltung sind es, die diesen Band mit der Nummer 210 nahtlos in die Reihe der Inselbücherei eingliedern.

Der Text wurde aus der Linotype-Aldus-Buchschrift gesetzt, einer schmal laufenden, leichteren Ergänzung zur Palatino. Für den Druck ist wieder Ludwig Oehms, Frankfurt a.M. verantwortlich.

Buchdaten:

  • Titel: „Das Gericht des Meeres“
  • Autor: Gertrud von le Fort
  • Umfang: 50 Seiten
  • Verlag: Insel Bücherei; Inselverlag Nr. 210, 215. bis 239. Tausend der Einzelausgabe: 1960
  • Sprache: Deutsch
  • Größe: 18,5 x 12 x 0,9 cm

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