Endliche Unendlichkeit – Rezension zu „Hundert kalte Winter“– Kristina Moninger

By | 18. September 2018

Endliche Unendlichkeit – Rezension zu „Hundert kalte Winter“– Kristina Moninger„Weißt du, ich glaube, eigentlich geht es in dem Buch darum, dass sich manchmal Menschen treffen, die sich eigentlich gar nicht treffen sollten. Weil sich das Leben dazu was anderes überlegt hat….“ (S.331)1)

Zum Inhalt:

Jonah kam bei einem Autounfall um’s Leben… vielmehr kurz danach… durch ihre Schuld. So empfindet Sandra, die Mutter Jonahs. Ein Schuldempfinden, das so tief greift und bereits so lange wärt, dass sie sich ein Leben ohne diese graue, wabernde Masse an schicksalshafter Trostlosigkeit, die sie vom Aufstehen bis zum Einschlafen – und nicht selten auch in Träumen – begleitet, nicht mehr vorstellen kann.

Mitten in diese Tristesse hinein fällt eine zufällige Begegnung. Die Begegnung mit einem quirligen, vor Lebensfreude sprühenden kleinen Mädchen, die ihr fröhliches Leben einem Organspender verdankt. Einem Organspender wie… Jonah. Sandra spürt eine Verbundenheit mit der Kleinen, die sie in ihrer wachsenden Gewissheit begründet sieht, dass Jonahs Herz, das Herz ihres verlorenen Sohnes, in diesem Mädchen weiterschlägt. So wähnt sie eine Möglichkeit gefunden zu haben, ihrem Sohn wieder nahe sein zu können, ihn nicht loslassen zu müssen.

Was liegt da näher, als sich darum zu bemühen auch geografisch in der Nähe Milas – so der Name des kleinen Wirbelwindes – sein zu wollen. Ohne etwas von diesem, ihrem Geheimnis preiszugeben, weiß Sandra geschickt die „Wahrheit“ so zu verbiegen, dass auch ihr Mann mit einer Übersiedelung einverstanden ist, nicht um den eigentlichen Grund wissend. Eine Halbwahrheit, ergibt die andere, eine Lüge bedingt die nächste, ein Kartenhaus, dessen Stabilität aufrecht zu erhalten immer mehr von Sandras ohnehin angeschlagener psychischer Stabilität und Kraft einfordert.

Zu allem Überfluss muss sie feststellen, dass die so gewählten Nachbarn, allen voran Milas Mutter Katharina, weit mehr als nur angenehme Zeitgenossen sind. Je intensiver die Nähe der beiden Frauen wird, desto weniger tragfähig wird das Fundament aus Lügen, auf dem diese Nähe gründet. Nicht nur Sandra und Katharina haben ihren Rucksack an Ressentiments, an „unter-den-Teppich-Gekehrtem“, an Verdrängtem, Gescheitertem zu verarbeiten, auch ihre Familien stehen an Scheidewegen, deren Verlauf im ursprünglichsten Sinne eine Herzenssache ist.

Die essentielle Frage nach dem Wie oder gar Ob ein Zusammenfinden, ein Weiter-, ein Zusammenleben gelingen kann, beinhaltet dabei neben – beinahe forensisch akribischer Vergangenheitsaufarbeitung – auch jenes mutige Ja zum Leben, welches auch ein unmissverständliches Ja zu dessen Endlichkeit als Prämisse inkludiert. Denn genau die kleinen Dinge, die zumeist unspektakulären Erlebnisse, alle scheinbaren Banalitäten gemeinsamen (Er)Lebens sind und waren es, „die das Leben zu dem machten, was es war: vergänglich.“ (S.173)

Fazit:

Als Kristina Moninger mir den Text zur Lektüre resp. Rezension gab und ich die Kurzinhaltsangabe las, dachte ich zuerst: „Dazu braucht es echt Mumm.“ Zum einen den Mumm, sich mit den Thematiken auseinanderzusetzen, zum anderen ein hohes Maß an schriftstellerischer Verwegenheit – Unkenrufende würden sagen, eine gehörige Portion Selbstüberschätzung – den beherzten Schritt zu wagen, hieraus eine solide Geschichte zu kreieren. Vorab: es ist mehr als nur gelungen!

Die Autorin findet bravourös einen Kardinalweg vorbei an den Banalitätsklippen, den flachen voyeuristischen Sandbänken und reißerischen Stromschnellen in die Erzählungen rund um Leben, Krankheit, Tod, Trennung, psychische Ausnahmesituationen und den ganz alltäglichen Lebenswahnsinn nur allzu oft abdriften. Die von ihr entworfenen Charaktere sind von Beginn bis Ende jederzeit in sich stimmig, ihre Handlungen nachvollziehbar, wenn auch mit einem leichten Hang zur Idealisierung.

Woher ich denn das wissen könne, mag die berechtigte Frage nun lauten. Viele der Situationen, der Menschenarchetypen und der emotionalen Konstellationen erkenne ich in meinem privaten wie beruflichen Umfeld wieder, wobei ich dies vor der Lektüre nicht wusste. Um so mehr Gewicht erhält ein Text, wenn er durch den Verfasser / die Verfasserin jenes Stück der Realität festhält, für das anderen zwar nicht die emotionalen Werkzeuge, aber i.d.R. die richtigen Worte fehlen.

Eben dieses Changieren zwischen emotionalem Tohuwabohu, erzählerischem roten Faden und geradliniger Verflechtung von Handlungssträngen zeichnet u.a. Moningers Schreibstil aus. Der Leser spürt, dass die Geschichte jenes Mehr besitzt, das einen guten von einem exzellenten Text unterscheidet. Ein, aus meiner Sicht, vorbehaltlos empfehlenswerter Roman, fernab von Klischee und ganz nahe am Leben!

Buchdaten:

  • Titel: „Hundert kalte Winter“
  • Autor: Kristina Moninger
  • Umfang: 336 Seiten
  • Verlag: Tinte & Feder (18. September 2018)
  • Sprache: Deutsch
  • SBN-13: 978-2919802609
  • Größe: 12,6 x 2,5 x 18,6 cm

1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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