Erotisches Märchen – Rezension zu „Honigmond“ von Gabriel Barylli

By | 14. Juli 2019

Erotisches Märchen – Rezension zu "Honigmond" von Gabriel Barylli„Das Wort ist – ich verschmelze, ohne mich zu verlieren…“ (S.156)

Zum Inhalt:

An sich ist es nicht Linda Rosenbaums Art mit einem fremden Mann, der sie in einem alten Kaffeehaus anspricht einen Abend zu verbringen. Und eine Nacht. Und den nächsten Tag. Und ebenso die halbe Nacht darauf. Doch dieser Mann, auf den klingenden Namen Martin hörend, ist ja auch nicht irgend ein Mann. Er ist die personifizierte Liebe auf den ersten Blick.

Und er ist ein zu Realität kondensierter Traum… nicht nur von einem Mann. Linda, nicht blind dafür, erkennt auch diesen „kleinen“ Pferdefuß an ihrer Romanze. „Ich hatte ihn aus meiner Welt geholt, die ich in mir hatte, und hatte ihn vor mich hingestellt und Wirklichkeit werden lassen.“ (S.138), muss sie sich eingestehen. Denn Martin ist kein geringerer, als der Fliegende Holländer. Dazu verdammt nur alle sieben Jahr für kurze Zeit die Erde betreten zu dürfen, um jene Herzensdame zu finden, die ihn wahrhaftig liebt.

Genau diese kurze Zeitspanne ist es, welche Linda mit Martin durchlebt, wie in einem Märchen. Realistin die sie jedoch ist, hält sie seine Aufforderung mit ihm zu kommen, auf sein Schiff mit den blutroten Segeln, für ausgemachten Humbug. So wacht sie schlussendlich alleine wieder auf. Alleine in einem Hotelzimmer. Ihr dämmert langsam, jedoch ohne jedes Mitleid, dass diese eine Chance, die das Schicksal für einen Menschen bereithält, vorüber ist.

Fortan, wissend und das Gefühl einer bedingungslos, vollkommenen Liebe, gibt sie sich mit nichts Geringerem zufrieden. Sie hat erfahren, wie das Erfüllen ihrer wahren Bedürfnisse, ihrer Sehnsüchte sich anfühlen kann. So verwundert es nicht, dass sie sieben Jahre später in demselben Kaffeehaus sitzt, wider besseren Wissens auf eine Wunder hoffend…

Fazit:

Im Untertitel weist Barylli bereits auf das Genre seiner Erzählung hin: „Für alle, die noch an den Märchenprinzen glauben.“ Ein Märchen ist es – ein erotisches Märchen – und als solches zur Unterhaltung gedacht. Doch nicht nur dazu. Gabriel Barylli verpackt einige Erkenntnisse, Weisheiten oder wie auch immer man es nennen will, in diese Metapher rund um den „Fliegenden Holländer“. An diesem Sagenstoff haben sich bereits andere Kapazunder der Literatur versucht, wie z.B. Heinrich Heine, Wilhelm Hauf oder Frederick Marryat.

Baryllis Verlegung der Schnittpunkte zwischen Sage und Realität in die Gegenwart macht seinen Text angenehm lesbar, birgt doch der Kunstgriff den Halt in einer Jetztzeit in der sich Leser*innen stets auf’s neue der Frage stellen müssen: Gibt es ihn wirklich, den einen Partner? Dabei spiegelt Barylli gekonnt die Frage von der Projektion des Du weg zum Ich. Der Wahrnehmung der eigenen Mankos in Sachen Akzeptanz, der eigenen Vorstellung dessen was jeder Liebe nennt jedoch mit immer anderen Inhalten füllt. So könnte man sich der folgenden Spekulation durchaus anschließen: „So weh es auch tut – vielleicht müssen wir akzeptieren, daß auch die Liebe eine organische Sache ist, wie alle organischen Sachen geboren wird, Höhepunkte erreicht und abstirbt.“ (S.122)

Zugegeben wenig romantisch – v.a. für ein erotisches Märchen –, doch nicht weniger… möglich. Viel wichtiger als „endgültige“ Antworten auf derart gelagerte Fragestellungen ist Baryllis Brennpunkt. Die Erkenntnis, zu der er seine Protagonistin führt. Ein Weg der in der Einsicht kumuliert „Jeder Schmerz ist nur ein Zeichen dafür, daß man etwas falsch macht.“ (S.184). Ob es nun Verklärungen, Projektionen, vollkommen überzogene Erwartungen an das Gegenüber sind, es sind schlicht falsche Muster. Muster welche wir selbst in Beziehungen einweben, v.a. wenn wir ihrer nicht gewahr sind. Ein zentrales Credo für das der Autor eintritt ist: erkenne deine eigenen Bedürfnisse und die deines Gegenüber im Hier und Jetzt. Dies ist der einzige Zeitpunkt in dem wir wirklich leben – und lieben.

„Was ist denn eigentlich der Sinn einer Liebesgeschichte, dachte ich, während ich ihn von der Seite her ansah. Sich selbst wohl zu fühlen und selbst dafür zu sorgen, dass sich der andere wohlfühlt.“ (S.65)

(Noch eine klärende Schlussbemerkung: Obwohl die Erzählung als erotisches Märchen tituliert werden kann, ist sie wohltuend weit entfernt sich des Argumentes „sex sells“ zu verschreiben. Ebenso werden Leser*innen die hier pornografische Inhalte vermuten / suchen enttäuscht werden.

Zum Buch:

Die buchbinderische Verarbeitung des Paperbackbandes aus dem Fischer-Verlag ist recht passabel. Die Verleimung der Seiten inkl. der Buchdeckel zeichnet sich durch Stabilität aus, bleibt jedoch trotzdem flexibel genug um im Lesefluss nicht störend zu sein. Ebenso ist die Haptik des Bedruckstoffes der Seiten angenehm und deren Dicke gut gewählt. Die Schrift präsentiert sich etwas größer als man sie ansonsten in den Paperbacks antrifft. Typografisch sollte man sich kein Feuerwerk erwarten. Pragmetismus ist hier angesagt. Die Abbildungen auf den Buchdeckeln wurden dem Film zum Buch mit Veronica Ferres, Uwe Ochsenknecht, Julia Stemberger und Gabriel Barylli entlehnt.

Buchdaten:

  • Titel: „Honigmond“
  • Autor: Gabriel Barylli
  • Umfang: 188 Seiten
  • Verlag: Fischer Verlag; 29.-38. Tausend März 1996
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 596-12353-4
  • röße: 19,0 x 12,4 x 1,4 cm

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