Großes Finale für einen kleinen Mann – Rezension zu „Der Samenbankraub“ von Gert Prokop

By | 23. März 2019

"Der Samenbankraub" von Gert Prokop„Du darfst vor allem nicht am eigenen Leben hängen: das macht dich furchtsam. – Du darfst den Tod jedoch nicht mißachten: das macht dich leichtsinnig. Lebe mit deinem Tod, lebe in kurzen, überschaubaren Intervallen, bedenke, in jeder Sekunde kann es vorbei sein: dann wirst du immer alles mit allen Kräften tun.“ (S.200)

Zum Inhalt:

Tiny, der Leserschaft aus dem ersten Band „Kriminalgeschichten aus dem 21. Jahrhundert“ bekannt, ist auch in den neuen Erzählungen wieder der Mann für scheinbar Unmögliches. „Es gab nichts verführerisches für ihn, als ein scheinbar unlösbares Rätsel.“ (S.73) Immer, wenn die Mächtigen und Reichen ein delikates und kniffliges „Problem“ einer diskreten Lösung zuzuführen gedachten, kam Tiny in’s Spiel. So verwundert es nicht, das sein über Jahre aufgebautes Geflecht an Beziehungen und Abhängigkeiten ihm noch immer ein recht angenehmes Leben in einem sehr unengenehmen Staat während einer noch unangenehmeren Zeit ermöglichte.

Tiny’s Erlebnisse, sein permanenten Wühlen im angeschwemmten Treibgut und Abschaum menschlicher Abgründe, nur um Macht, Reichtum und Gier zu unterstützen, nagen an seiner Seele. Ebenso lassen ihn ganz persönliche Verluste beinahe  zerbrechen, an einem System in dem „»Justitia eine Binde vor den Augen trägt, aber auf ihren Waagschalen viel Platz für Moneten ist.«“ (S.128) Diese Zweifel kumulieren in einem Satz der großen Liebe Tiny’s, Anne: „»Man kann nicht das Gute verwirklichen wollen und zugleich ein guter Mensch sein; das eine schließt das andere aus.«“ (S.245)

Immer mehr und mehr verstrickt sich Timothy in ein Bereuen seiner Taten und Entscheidungen, die viele seiner Freunde Gesundheit und Leben gekostet haben. Und es ist in Bälde an der Zeit endgültig Farbe zu bekennen, aus dem verhüllenden Versteckspiel in zweifacher Hinsicht herauszutreten und für Überzeugungen einzustehen, deren hoher Preis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkit nichts Geringeres als sein Leben sein wird…

Fazit:

Die Kriminalgeschichten Prokops rund um den Charakter des Timothy Truckle alias Tiny sind gespickt mit sozialkritischem Unterton, dem Aufruf an den Einzelnen Verantwortung zu übernehmen für sein Handeln im sozialen und umwelterhaltenden Umfeld. Davon zeugen Aussagen wie »Selbst wenn wir Menschen nicht die einzigen intelligenten Wesen im Universum sind, so doch bestimmt die einzigen unserer Art. Schon deshalb ist es unsere Verantwortung, das Leben auf diesem Planeten zu erhalten, unermeßlich groß.« (S.213) oder „Noch nie hat es eine Generation gegeben, die mit so wenig menschlichen Beziehungen, aber dafür mit so vielen erfundenen Personen gelebt hat.“ (S.222) ebenso wie „»Ohne Phantasie kann man kein Realist sein.«“ (S.244)

Betrachtet man das Grundtimbre der Kriminalgeschichten über beide Bände hinweg, überwiegen die düsteren Farben der Dystopie bei weiten. Dennoch beweist Prokops „Held“ – sicher nicht aus purem Zufell –, dass im Kleinen ungemeines Potential für Veränderung liegt. Tiny macht es sich dabei nicht nur einfach indem er sich blind einer Idee ohne der Frage nach den Beweggründen seiner Handlungen verschreibt. Stets ist der Zweifel sein Begleiter, sein Dorn unter dem Fingernagel, das Magnetfeld für seinen moralischen Kompass.

 

Zum Buch:

Das Buch ist – im übertragenen Sinne – aus demselben Holz geschnitzt wie der erste Band der „Kriminalgeschichten aus dem 21. Jahrhundert“, weshalb die gleichen Ergebnisse zu Zustand, Druck und Verarbeitung nicht verwundern. Auch in hier sind einige Druckfehler zu verzeichnen. Als Besonderheit kann jedoch das Original der Signatur von Gert Prokop angeführt werden, welches das Buch per se deutlich aufwertet.

Den Text durchziehen wieder Schwarz-Weiß-Illustrationen von Dieter Tucholke, welche zum Teil über Doppelseiten reichen. Für den Satz zeichnet Klaus Rähm verantwortlich. Er gestaltete zusamen mit Dieter Tucholke auch den Umschlag- und Einbandentwurf.

Buchdaten:

  • Titel: „Wer stiehlt schon Unterschenkel“
  • Autor: Gert Prokop
  • Umfang: 424 Seiten
  • Verlag: Verlag Das Neue Berlin; 3. Auflage, 1985
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 409-160/205/85 · LSV 7004
  • Größe: 20,4 x 12,6 x 2,4 cm

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