Liebe in der Vergangenheitsform – Rezension zu „Alles, was wir liebten“ – Kristina Moninger

By | 18. Juni 2019

Kristina Moninger eine Rezension von Wolfgang Kucher„Erinnerungen sind manchmal das, was wir aus ihnen machen.“ (S.266)1)

Zum Inhalt:

Anna und Fitz sind ein Geschenk. Ein Geschenk für den jeweils anderen. Durchaus auf Umwegen erhalten, weiß der jeweils andere um den Wert der Jugendliebe, die sie sich gegenseitig schenken. Nichts scheint ihre Zweisamkeit wirklich gefährden zu können. Jedoch nur solange, bis der eisernen Griff der Familiengeschichte aus der Vergangenheit ihren Druck erhöht.

Diesem Druck und den daraus resultierenden traumatischen Entwicklungen ist Anna nicht gewachsen. Ihre Lösungsstrategie ist die Flucht. Flucht aus der ländlichen Idylle, aus dem Elternhaus, aus Fitz‘ Armen, aus dem Gerichtssaal ihrer eigenen Angst. Was Anna in ihrer Panik jedoch nicht bedacht hat: man nimmt sich stets selber mit – egal wohin man flieht. Mit den Jahren wird die schwärende Wunde in ihrer Seele, welche die Ungewissheit ihrer Erinnerung hinterlassen hatte immer vergiftender. Annas Bedürfnis nach Klarheit, nach der Wahrheit, der Tatsächlichkeit der damaligen Entwicklungen veranlasst sie zu einer – für ihre Umgebung überraschenden – Rückkehr in ihr heimatliches Umfeld.

Diese Rückkehr wirft Anna, einer skurrilen Zeitreise nicht unähnlich, in die Leben jener, die sie vor vielen Jahren verlassen hat. Nicht nur, dass sie sich nur schwer darin zurechtzufinden vermag, ihr wird schmerzlich klar, dass sie dieses angeschlagene Beziehungsgeflecht nur entwirren, nur heilen kann, wenn sie sich den Dämonen der Vergangenheit stellt.  Es ist – erneut – Fitz, der das Zentrum ihrers Fühlens ist. Alle Wege führen mit schicksalshafter Bestimmtheit stets zu ihm. Immer zentraler wird für Anna die Frage, ob es für diesen Kreis ein Sich-schließen gibt oder ob ihr Warten bereits den Punkt ohne Wiederkehr überschritten hat, ob diese Liebe in der Vergangenheitsform bleibt…

Fazit:

Was Kristina Moningers Schreibstil, ihre Art Geschichten zu erzählen, das Timbre ihrer Texte auszeichnet ist nicht so ganz leicht in jene Worte zu kleiden, die den Fertigkeiten der Autorin diesbezüglich gerecht werden. Es ist mehr ein Gefühl, ein „Sich-wohl-fühlen“ in dem Fluss der Worte auf dem man in ihren Erzählungen treibt. Manches Mal beschaulich, beschreibend, den Moment genießend und kurz darauf in einem Kontext, der sowohl Überraschendes wie angenehm Vorhersehbares an Stromschnellen, Walzen und Strudeln bietet. Diesem Stil folgend präsentiert sich auch „Alles, was wir liebten“, beinahe eine Liebe in der Vergangenheitsform.

Moninger gelingt auch in diesem Buch, was sie schon mit Bravour in ihren bisherigen Romanen unter Beweis stellte: Authentiziät – das Beibehalten eines sich entwickelnden Stils, eine Handschrift, die sie aus dem drögen Fluss der Masse heraushebt. Mit „Alles, was wir liebten“ setzt sie sich mit gleich mehreren heißen Eisen beziehungstechnischer Natur auseinander, ohne dass man als Leser*in das Gefühl einer am Reisbrett entworfenen Geschichte hätte. Ob nun die Frage nach dem Bestand einer Jugendliebe, die desillusionierende Lebensgeschichte einstmals vitaler junger Leben oder der Umgang mit familiären Tragödien, jedes Puzzelteil fügt sich stimmig in das Band des dynamischen Spannungsbogens ein.

Stilistisch ausgesprochen gelungen ist die Kombination von Abschnitten aus der Gegenwart durchbrochen mit Streiflichtern, welche einen erhellenden Blick in Vergangenes ermöglichen. So etwas wie Hänger, Langeweile oder gar oberflächlich Abgedroschenes wird man nicht finden. Dazu hält die Autorin zu viele kleine, erzähltechnisch gekonnt eingesetzte Winkelzüge vorrätig. Im Ausgang keineswegs klar vorhersehbar und dem realen Leben (in so mancher Hinsicht leider) sehr nahe, gelingt es Kristina Moninger erneut eine berührende, in sich konsistente und ergreifende Geschichte zu erzählen. Liebe in der Vergangenheitsform? Ob sie es bleibt darf der Leser ergründen…

Buchdaten:

  • Titel: „Alles, was wir liebten“
  • Autor: Kristina Moninger
  • Ausgabe: PDF-Ausgabe (Rezensionsexemplar); Printausgabe: 329 Seiten
  • Verlag: Tinte & Feder; 1. Auflage (2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B07N6GP47P
  • Dateigröße: 2668 KB

(1) Alle Angaben, sowohl Seiten-/Positionsnummern, wie auch technische Details, beziehen sich auf die PDF-Ausgabe des Rezensionsexemplares

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