Ressource Mensch – Rezension zu „Der Wert des Menschen“ von François Emmanuel

By | 18. Mai 2019

"Der Wert des Menschen" - François Emmanuel„… und mir fiel die Aufgabe zu, bei den Teilnehmern jene natürliche Aggressivität wecken, die sie engagierter, effizienter und damit letzten Endes produktiver macht.“ (S.8)

Zum Inhalt:

Seine Arbeit bereitet Simon, dem durchweg angesehenen Betriebspsychologen im multinationalen Konzern, den er SC Farb nennt, Freude. Das Jargon des Management insbesondere der Abteilung für Human Resources hat er wie selbstverständlich verinnerlicht, handelt es sich doch um sein akademisches Rüstzeug. Verantwortlich für Fortbildungen, Personaldossiers, Führungsseminare, allgemein der Beurteilung – nicht zuletzt der Belastbarkeit und Effizienz – ganzer Abteilungen sowie einzelner Mitarbeiter hat er sich einen tadellosen Ruf innerhalb der Firma erarbeitet.

In der französischen Niederlassung des deutschen Konzerns erhält er einen sehr delikaten Auftrag: der psychologische Gesamtzustand des Direktors Just, unter dessen Führung auch Simon arbeitet, soll so diplomatisch wie möglich bewertet werden. Nicht zuletzt weil Justs Verhalten in den vergangenen Wochen und Monaten von Auffälligkeiten geprägt war, sieht sich die Firmenleitung zu diesem Schritt veranlasst. Sicher ist es für Simon keineswegs leicht den Auftrag in der üblichen Professionalität anzugehen, vermutet er sich hier doch – so seine Meinung – auch firmenpolitisches Kalkül.

All diese Überlegungen können ihn jedoch nicht auf die Untiefen menschlicher Abgründe vorbereiten, in die ihn seine Recherchen zu Just führen. Die Zweifel, die er mehr und mehr gegenüber seiner Profession entwickelt rühren von der Erkenntnis her, wie unglaublich gleichlautend die Sprache der Verwalter »der menschlichen Ressourcen« eines Unternehmens zu jener ist welche die Methodik der Massenvernichtung der 1940er Jahr in Punkto Effizienz beschreibt. Bezüglich des Wertes, die einem Menschen dabei zugestanden wird, sieht er sich Entscheidungen gegenüber, welche die Grundfesten seines eigenen Lebens, seines Menschseins zu erschüttern drohen…

Fazit:

Die Erkenntnis, mit welchem Vokabular wir den Wert menschlichen Kapitals, menschlicher Ressourcen, will heißen des Menschen per se zu definieren gewillt sind, ist eine der zentralen Fragen, denen sich François Emmanuel in seinem Text zu nähern versucht. In einer zunehmend technokratischen Wirtschaftswelt, in der Begrifflichkeiten wie Effizienz, Konvertibilität, Evaluierungsquote, Aussonderung homogener Gruppen, biografische Prognosen und weitere aus dem verbalen Werkzeugkoffer der Human Resources ohne mit der Wimper zu zucken auf Individuen angewandt werden, deren einzige Repräsentanz eine Zelle in einer Tabellenkalkulation eines Controllers darstellt, lässt einen erschauern.

Ebenso ergeht es der Hauptfigur als sie entdeckt, dass ebendieses Vokabular schon einmal in einem anderen, mehr als fragwürdigen Zusammenhang auf Menschen angewandt wurde. In einer Zeit in der auch Begriffe wie »Endlösung« noch keineswegs einen zutiefst bitteren Beigeschmack hatten. Betroffen macht geschichtlich und menschlich gebildete Leser*innen dabei das Aufzeigen, wie selbstverständlich diese Begrifflichkeiten heute in Managementebenen querbeet vom Autokonzern bis zur Leitung von Krankenkassen und Altenheimen Einzug hielten und verwendet werden ohne, dass deren Verwender einen Hauch der Perfidität ihrer Aussagen erkennen. „… denn die Erzählung folgt einer Ordnung, die weniger der Chronologie der Tatsachen als einem langsamen und erschreckenden Bewußtwerdungsprozeß entspricht.“ (S.9)

Es ist starker Tobak, den François Emmanuel dem Leser hier präsentiert. Die Zeit schreibt treffend: »Dieses Buch ist eine Provokation. Man liest es wie in einem Satz, mit wachsender Beklommenheit, mit angehaltenem Atem.« (Klappentext)

Zum Buch:

Der schmale Band ist in seiner Machart ein klassisches Paperback aus dem Hause Piper mit akzeptabler Verleimung, einem festen Bedruckstoff und schlicht gehaltener Typografie. Der Druck wurde sehr sauber ausgeführt und auch die künstlerische Gestaltung der Buchdeckel für die im vorderen Bereich Gary Isaacs und im hinteren (Autorenbild) Brigitte Friedrich im fotografischen Teil firmieren, ist ansehnlich. Mit einer doch ansehnlichen Größe von 12 Punkt im Fließtext wartet der Text mit einer vorbildlichen Lesbarkeit auf.

Buchdaten:

  • Titel: „Der Wert des Menschen“
  • Autor: François Emmanuel
  • Übersetzer: Leopold Federmair
  • Umfang: 100 Seiten
  • Verlag: Piper München; Auflage 2002
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3-492-23413-5
  • Größe: 18,9 x 12,0 x 1,0 cm

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