Ringnetz – Rezension zu „Die schwarze Harfe“ – Gravity Assist

By | 26. Januar 2019

"Die schwarze Harfe" - Gravity Assist„Gewissheit über die äußere Welt kommt aus der inneren Welt, und diese liegt immer in der Dunkelheit für all jene, die nicht die schwarze Harfe spielen.“ (S.116)

Zum Inhalt:

Er ist beinahe in seiner gesamten Ausdehnung besiedelt – der Ring. Oder wie ihn die Senjasantii nennen, die Elawaia. Zu Beginn der Expansionswellen waren es maximal ein paar Visionäre, die davon Ausgingen, dass man in den Weiten des Ringes noch auf andere intelligente Wesen stoßen würde. Doch man fand sie, die Senjasantii. Ein raumfahrendes Volk welches der Elawaia auf weit mehr als rein physikalischem Wege verbunden war. Eine Kultur, deren Tiefe – manche nennen es Religiosität – vereinnahmt oder abstößt, jedoch nicht unangetastet lässt. „Alles beginnt mit der Elawia, so sagen die Senjasantii, der Brücke aus Licht, wie sie den Ring nennen.“ (S.746)

Von Haus aus sind und waren die Senjasantii stets distanziert, keineswegs feindlich, aber sie machten auch kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Beweggründe der Kolonialisten. Primär an Macht und wirtschaftlichem Erfolg orientiert gelang es eben diesen Imperien, ob nun monetärer oder politischer Couleur, sich auf den unterschiedlichsten Welten zu etablieren. Eine Spezies, deren Entwicklung sich an einem Scheideweg befand, um nicht zu sagen, die sich überlebt hatte. „»Ein Ende kann sich ereignen, doch ein Anfang wird geschaffen«“ (S.724)

Nicht alle sehen dies in der Klarheit eines Bromen Cassan. Charismatisch, unbeirrbar in der Verfolgung seiner Ziele und – auf den ersten Blick – von erschreckend taktischer Kälte geleiteter erster Laar der königlichen Raumflotte. Ein Krieger wie ihn sich keine Krone besser wünschen konnte – solange seine Loyalität dieser Krone galt. Bromen ist Visionär. Gepaart mit seiner Unbeirrbarkeit und der Vorstellung einer längst überfälligen Veränderung im Ring zum Wohle aller Bewohner desselben, ebenso wie mit der geballten Macht einer Raumflotte unter seinem Befehl birgt dies ungeheures Sprengpotential.

Niemand kommt daran vorbei Bromen in sein Kalkül mit einzubeziehen. Seien es nun die Endoer, die opportunistischen Vrakaane, die undurchsichtigen Temb’ran-Meister, die Ringhandelsföderation oder wie auch immer all jene Splittergruppen in der Elawaia sich nennen mögen. In diesen brodelnden Sog an Ereignissen werden auch Shikani – eine Senjasantii – und Prinz Ja’en gezogen. Sie betreten die Bühne der Ereignisse von zutiefst unterschiedlichen Seiten, doch jeder auf seine Weise von Bromens Aura angezogen.

Der Weg den diese beiden zusammen mit ihren engsten Gefährten für sich jeweils finden müssen, führt sie nicht nur quer durch die Elawaia, deren Kulturen, körperlichen Gefahren und wechselnden Machtverhältnissen. Sie führt sie auch an die Pforten eines Geheimnisses heran, welches die Senjasantii seit Äonen als „Die Schwarze Harfe“ kennen. Ein Konzept welches Raum und Zeit noch viel stärker durchdringt als dies die Sprungantriebe der großen Kreuzer vermögen, denn »Der Ring führt immer wieder alle Wege zusammen.« (S.146)

Fazit:

Was das Autor*innenkollektiv „Gravity Assist“ hier in eine Geschichte gegossen hat, erinnert mich von der erzählerischen Dichte, der phantastischen Tiefe, sowie dem Timbre des Schreibstils ungemein an Frank Herberts „Dune“ oder Karsten Kruschels „Vilm“ und muss diesen Vergleich nicht scheuen.

Die über weite Teile aus der Ich-Perspektive der Hauptcharaktere verfassten Erzählfacetten geben einen profunden Einblick in den Entwurf einer – oder vielmehr – mannigfacher Gesellschaften. Sie führen wie beiläufig in die Geschichte der Kolonisation des Ringes, der schicksalshaften Diversifikation der Kolonien entlang der Zeitlinie, der Entwicklung und dem Ausbau eines bewundernswert filigranen Netzes an politischen, sowie wirtschaftlichen Abhängigkeiten ein. Wissenschaftlich-physikalische Grundlagen werden insofern erklärt, wie sie für Verständnis, logische Konsistenz und technische Transparenz von Wichtigkeit sind, ohne langatmig den Erzählfluss zu 15stören.

Unaufdringlich, ohne in eines der Hauptthemen der SciFi zur Gänze abzugleiten amalgamieren die Autor*innen von Explorationszenarien über Politgeschichten, jenen Teil der spannenden Weltraumreisen, ebenso wie epische Raumschlachten bis hin zu Anklängen an planetare Robinsonaden in organisch meisterhafter Erzählkunst, wie man sie selten findet. Selbst die Integration fremder Spezies bleibt nicht auf der Strecke. Es werden den Leser*innen keine groben stilistischen oder erzählerischen Friktionsflächen in Sachen Logik oder Nachvollziehbarkeit zugemutet, sehr wohl aber ein hoher Anspruch an vernetztem Denken vorausgesetzt.

Belohnt wird dies mit einer irisierend farbigen Geschichte, Sprache auf einem stilistisch hohen Niveau, wunderschönen szenischen Schilderungen, akribischer Liebe zum Detail und Respekt vor dem Anspruch der Leser*innen auf qualitativ hochwertige Unterhaltung.

Zum Buch:

Mit seinen doch beachtlichen fast 800 Seiten stellt der Band nicht unerhebliche Ansprüche an die Verleimung des Buchblockes. Trotz des oft rauhen Umgangs im Gepäck eines Pendlers 😉 schaffte dieser Teil mit Bravour sich eine gute Note zu verdienen. Für den Textsatz wurde auf die leicht lesbare Schrift GT Spectra zurückgegriffen.

Die Buchdeckel, sowie die Buchdeckelklappen wurden sehr ansprechend für die gestalterische Aufwertung des Bandes verwandt, wobei den vorderen Teil eine Sternenkarte des Rings ziert. Anfangs mag dies nur als nette Beigabe erscheinen, aber sehr bald lernt man als Leser*in den räumlichen Orientierungswert derselben schätzen.

Mindestens ebenso elegant wie sinnvoll wurde der rückwärtige Buchdeckel gestaltet und mit einem kurzen Glossar, sowie einer Zeittafel für die Entwicklungen innerhalb des Ringes befüllt. Ein dezente Vorstellung des Autor*innenkollektivs rundet die Informationen auch ästhetisch ab.

Grobtextuell ist die Erzählung auch optisch in 4 Teile gegliedert, deren größten Umfang der 3. Teil mit beinahe dem halben Gesamtseitenumfang einnimmt. Typografie, sowie Satz zeugen ebenso wie der Druck davon, dass hier Wert auf ein hochwertiges Stück Literatur aus einem Guss gelegt wurde, dessen Präsentation in keinster Weise der Qualität des Inhalts nachsteht.

Ein Buch, das jeden Cent mehr als nur Wert ist, dessen Understatement in der Aufmachung jedesmal, wenn ich es zur Hand nehme erneut dafür sorgt sehr viel Freude zu breiten, im positiven Sinne den Spruch zu bestätigend: „Beurteile nie ein Buch [nur] nach seinem Einband.“ Von mir eine vorbehaltlose Lese-/Kaufempfehlung

Buchdaten:

  • Titel: „Die schwarze Harfe“
  • Autor: Gravity Assist
  • Umfang: 776 Seiten
  • Verlag: Edition 381; Auflage: 1 (Frühjahr 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 395-2428-76-0
  • ISBN-13: 978-3952-42876-4
  • Größe: 20,5 x 14,2 x 3,8 cm

Weitere thematisch passende Einträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.