Soziale Untiefen und geografischer Untergang – Rezension zu „Bevor alles verschwindet“ von Annika Scheffel

By | 6. April 2019

"Bevor alles verschwindet" - Annika Scheffel„Ein Wind mit Gedächtnis, ein Lücken lassender Wind, der hier nie wieder einen Widerstand spüren, der sich an nichts mehr entlangtasten kann,…“ (S.169)

Zum Inhalt:

Beinahe lapidar ist sie, die Nachricht, welche die PR-Vorhut einer gesichtslosen Baumaschinerie den Dörflern überbringt. Sie wüssten es nun ja schon seit langem, aber nun wäre die finale Bauphase erreicht in der die Flutung ihres Dorfes zugunsten eines energieliefernden Stausees  erfolgen würde. Man habe für die Übersiedlung vorgesorgt und es stünden wunderschöne neue Häuser für die noch verbliebenen 100 Seelen bereit, in schönester Lage, mit freier Sicht auf den entstehenden See.

So leeren sich dann auch die Häuser, der Aderlass am Dorfleben hinterlässt Spuren, nicht nur in Zahlen, an Gebäuden, an Waldbeständen oder dem sich stetig wilder gebärdenden Fluss. Spuren in den Seelen der Verbliebenen. Jene die noch ausharren, die verdrängen, sich wie das bekannte gallische Dorf präsentieren. Jeder von ihnen wird heimgesucht. Heimgesucht auf eine sehr individuelle und doch kollektive Art. Kollektiv, weil ihr Ausharren, ihre Widerborstigkeit, ihr Verdrängen sie eint. Individuell, weil die Gründe dafür unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Warten auf den Geist einer Beziehung, die Angst sich Neuem zu stellen. Zorn liebgewonnenes zurücklassen zu müssen, das Aufreißen von – im wahrsten Sinne – vergrabenen Jugendsünden. Furcht vor dem Auf- oder gar Zerbrechen sozialer Bande, oft der noch alleinige Lebenserhalt, Lebenssinn.

Und sie kommt. Die Flut. Für die Dörfler im Großen ihres aus Sicht der Welt kleinen Universum. Des einen Dämon vermag sie zu ertränken, des anderen Flucht erweist sich als hartnäckig wasserabweisend. Jeder zahlt einen Preis. Manch einer den höchsten.

Fazit:

Das „Bevor alles verschwindet“ erscheint vor dem Damoklesschwert der Flutung wie eine Menetekel, den Fokus des Lesers zuerst in die Irre führend. Denn das Wasser ist nicht mehr als ein Katalysator, ein Initiator um das Aufbrechen beinahe akribisch und nicht selten selbstzerstörerisch gepflegter, nicht selten dunkler Geheimnisse, wie sie jede (Dorf-)Gemeinschaft ihr eigen nennt. Die Bühne oder wohl eher die Akteure muten schon beinahe archetypisch an.

Das Spiel mit Symbolen, sei es nun der Dorfbaum, der Friedhof bzw. dessen abschließende Versiegelung, Milo, der blaue Fuchs, ebenso wie das Herausarbeiten der Art und Weisen, wie die einzelnen Dörfler mit dem Untergang ihrer physischen und ideellen Welt umzugehen versuchen, versteht Annika Scheffel virtuos in Text zu gießen. Keine leichte Kost, aber lesenswert allemal.

Zum Buch:

Die etwas über 400 Seiten des Bandes sind leidlich gut verleimt, die Buchdeckel hinlänglich fest ausgeführt und der Seitenbedruckstoff für ein Paperback solide und haptisch angenehm gewählt. In Sachen Druck gibt es nicht zu bemängeln, die Typografie tritt zugunsten des Leseflusses und der inhaltlichen Fokussierung in den Hintergrund, Schriftbild und Satz machen ebenso einen guten Eindruck.

Die Umschlaggestaltung, ausgeführt von Hermann Michels und Regina Göllner, bedarf allerdings einiger Verrenkungen, sie mit dem Inhalt der Geschichte zur Deckung zu bringen, wogegen sich die Darstellung zumeist erfolgreich wehrt. Es hätte hier wenig Mühe gekostet den Fuchs in seiner surrealen Rolle blau einzufärben und Zwillinge passender darzustellen, jedoch bleibt dies letzten Endes Geschmacksache 😉 .

Buchdaten:

  • Titel: „Bevor alles verschwindet“
  • Autor: Annika Scheffel
  • Umfang: 414 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; 1. Auflage 2016
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-518-46677-3
  • Größe: 19,0 x 11,8 x 2,7 cm

Weitere thematisch passende Einträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.