Sprachdiversität – Rezension zu „Gendern ?!“ von Anne Wizorek, Hannah Lühmann

By | 5. Januar 2019

"Gendern ?! Gleichberechtigung in der Sprache" - Anne Wizorek, Hannah Lühmann„Ich glaube nicht, dass dieses Verständnis verordnet werden kann – es muss eben immer erst durch den eigenen Kopf.“ (S.20, Anne Wizorek)

„Ich glaube an die Fehlbarkeit meiner eigenen Wahrnehmung, und auch ich bin nicht agendafrei, wenn ich diese Dinge schreibe, weil ich mich natürlich nach einem sehnte: mehr Macht.“ (S.21, Hannah Lühmann)

Zum Inhalt:

In Form eines Debattenbuches setzt sich der Text mit einem Thema auseinander, das wie selten ein anderes emotionalisiert. Gendern! Die beiden Autor*innen Anne Wizorek und Hannah Lühmann nähern sich dem holprigen Terrain – so ließe zumindest der Klappentext und die Intention eines Debattenbuches  erahnen – von unterschiedlichen Seiten. Ausgewiesen werden diese Standpunkte als Pro und Kontra und als solches auch im Layout realisiert (siehe weiter unten).

Mit viel Fantasie und Gespür für Details lässt sich sehr wohl eine unterschiedliche Sichtweise der beiden Texter*innen erkennen, doch allzu konträr erscheinen die Standpunkte am Ende dann doch nicht. Für stellte sich die Argumentationsweise von Wizorek als etwas kompromissferner dar als jene ihres Gegenüber. Dies mag an der teilweise etwas derben, wenn auch durchweg zutreffenden Wortwahl liegen (z.B.: „Der wahre »Genderwahn« ist jedenfalls die Tatsache, dass wir immer noch danach beurteilt werden, was wir in der Unterhose haben – statt danach, was uns durch den Kopf geht und was wir wirklich wollen.“ (S.36)) . Lühmann führt demgegenüber die sprachlich etwas feinere aber in keinster Weise stumpfere Klinge – so zumindest mein Eindruck.

Beiden Argumentationsketten kann ich – als Mann 😉 – durchweg vieles abgewinnen. Wenn auch mehr als zweite Stimme, so wird jedoch auch zu Gehör gebracht, dass „gendern“ nicht primär etwas mit Mann und Frau im Sinne sexueller Definition zu tun hat, sondern gleichberechtigt jene Menschen einbeziehen will, deren Definition in einer solcherart bipolaren Gesellschaftskonzept keinen geeigneten Platz findet.

Als sozusagen integrative Gemeinsamkeit ist beiden Autor*innen die Überzeugung, dass Sprache ein zentrales Element im Schaffen und Gestalten eines Bewusstseins in diese Richtung ist. So meint etwa Wizorek „In unseren Sprachen drücken wir stets unsere eigene Vorstellungswelt mit aus und beeinflussen, wie eng oder weit wir die Grenzen dieser Welt stecken.“ (S.30) Lühmann könnte man durchaus als Skeptizist*in in dieser Hinsicht lesen, zumal sie stets auf die erkenntnisphilosophischen Grenzen sprachlichen Erkennens hinweist. Dennoch meint auch sie: „Man ist sich prinzipiell einig, dass gendergerechte Sprache etwas Gutes ist, man streitet nur über den Platz, den sie auf der Rangleiter des Guten verdient.“ (S.47)

Fazit:

Der Dudenverlag gibt mit seinem Debattenbuch zwei Autor*innen einen Raum des moderaten Widerstreites. Die Standpunkte hätten diametraler sein können, wobei die gewählte Form und der Inhalt der inhaltlichen Diskussion zum Thema Gendern wesentlich zuträglicher sind, als ein literarischer Kleinkrieg mit seinen Grabenkämpfen, von denen schon genügen im Internet toben. So meint Lühmann – aus meiner Sicht durchaus berechtigt: „Sie [die Menschen] verstehen nicht – und das gilt für viele Äußerungsformen kulturlinken Aktivismus, wie er sich dieser Tage vor allem im Internet zeigt –, dass jede Form von Bewusstseinsarbeit im Dienst einer guten Sache das Potential hat, ins Totalitäre zu kippen.“ (S.51/53)

Ein in seiner Kompaktheit weitreichendes Buch mit Potential Denkstrukturen aufzubrechen, zumindest jedoch ein Hinterfragen anzustoßen. Durchweg empfehlenswert.

Zum Buch:

Das Buch ist mit seinen 72 Seiten wahrlich kein Riese und leider hat man bei der Verleimung des Buchblockes mit den Deckeln nicht sonderlich hohe Ansprüche zugrunde gelegt. Eigentlich Schade, denn ansonsten bleibt an dem Bändchen nicht’s auszusetzen. Der Platz auf dem griffigen Bedruckstoff wurde gut genützt ohne den Text zu drängen. Die Typografie ist überschaubar in ihrer Ausformung und unterstützt die Gliederung des Textes dezent.

Eine interessante Besonderheit ist die layouterische Gegenüberstellung der Pro- und Kontra-Seite auch im Buch: die geraden Seiten sind der Argumentation von Anne Wizorek als Vertreterin der Pros und die ungeraden Seiten Hannah Lühmann als ihrem Widerpart zugedacht. Anfangs ist dies bei der Lektüre etwas befremdlich, unterstreicht jedoch den Debattencharakter, den der Text für sich einfordert. Der Druck wurde rundum sehr sauber durchgeführt, wodurch das Buch in Summe einen sehr positiven Eindruck hinterlässt.

Buchdaten:

  • Titel: „Gendern ?!“
  • Untertitel: „Gleichberechtigung in der Sprache – ein Für und Wider“
  • Autor: Anna Wizorek, Hannah Lühmann
  • Umfang: 72 Seiten
  • Verlag: Duden-Verlag; Auflage 2018
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-75619-3
  • Größe: 19,0 x 10,5 x 0,6 cm

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