Von der Größe im Kleinen – Rezension zu „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ von Gert Prokop

By | 23. Februar 2019

"Wer stiehlt schon Unterschenkel" - Gert Prokop - Buchdeckel vorne„Glauben sie mir, Edward, es gibt längst keine Unterschiede mehr zwischen sauberen und schmutzigen Unternehmen. Zumal die Ausnutzung der heutigen Gesetze in der Regel mehr Geld einbringt, als ihre Verletzung.“ (S.30)

Zum Inhalt:

Sein Leben verdankt Timothy Truckle v.a. seinen Beziehungen. Beziehungen zu den Big Bossen, zu geringeren Anteilen auch jenen zur Regierung und der NSA. Diese dunkle Dreifaltigkeit aus Geld, Macht und allzeit gegenwärtiger Überwachung hat das Sagen in einem dystopischen Amerika des 21. Jahrhunderts. Vom ehemaligen Überfluss ist nichts mehr geblieben. Das Gros der Bevölkerung lebt in einer Orwellschen Welt. Stets am Rand der Existenz, der staatlichen Willkür bis in den privatesten Bereich ausgeliefert.

Wäre Timothy, auch Tiny genannt, nicht zum einen gewitzt zum anderen als loyal und verschwiegen bekannt, er wäre als Kind schon annuliert worden. Immerhin wäre seine Zwergenwüchsigkeit mehr als ein triftiger Grund in einer Gesellschaft in der Eugenik kein Schimpfwort ist. Aber Tiny hat es geschafft. Sein scharfer Verstand, sein überaus fortschrittlicher Computer, denn er liebevoll Napoleon nennt, und sein filigranes Netzwerk an Informationen und Abhängigkeiten  garantieren ihm ein überaus luxuriöses Leben.

So kann er sich in einem der riesigen Wolkenkratzer eine Wohnung leisten welche zum einen über der allgegenwärtigen Smoggrenze liegt und zum anderen abhörsicher ist. Zumindest in Teilen abhörsicher. Mit delikaten Kriminalfällen, oder solchen die einfach nur… sagen wir schräg sind, kommen die Big Bosse zu ihm. Wissend, dass er um die Brisanz der Informationen, die so nebenbei bei der Lösung der „Sachverhalte“ abfallen, weiß, ebenso wie über die tödlichen Konsequenzen, sollten diese in die falschen Hände geraten.

So laviert Tiny von einem Fall zum anderen. Dabei wird nicht nur sein Bankkonto stets auf’s Neue strapaziert, auch sein Gewissen. Ja er leistet sich den Luxus eines solchen, was ihn immer wieder in vertrackte Lagen bringt, die nach „kreativen“ Lösungen verlangen. Seine anfänglich etwas undurchsichtige Verstrickung mit dem UNDERGROUND, einer Art Résistance , die versucht zumindest einen Hauch an Humanität in das totalitäre Staatsgefüge zu bringen, erhellt sich erst nach und nach.

Fazit:

Anfangs wirken die Kriminalgeschichten rund um den schrulligen, nicht eben schnell zu durchschauenden Detektiv Timothy Truckle etwas spröde, um nicht zu sagen holprig. Je mehr man sich als Leser*in jedoch in dem Universum – in welches man sich ab der ersten Seite geworfen sieht – zurechtfindet, gewinnen die Teile an Zusammenhalt, die Charaktere an Kontext, Leben und Dimensionalität. Doch wie gesagt, dazu bedarf es etwas Geduld und Durchhaltevermögen. Dieses wird auf jeden Fall durch Witz, sozialistisch-ideologisch durchwachsene Skurilität und dem Hang zu fast – aber eben nur fast – absurd wirkenden Szenarien belohnt wird.

Angesichts aktueller politischer Entwicklungen scheinen einige im Text entworfene Szenarien so abwägig nicht. Sei dies nun der Seitenhieb auf einen totalitären marktwirtschaftlichen Überwachungsstaat oder ein nicht nur ideologische Abriegelung zum „Außen“. (Stichwort „Mauer zu Mexico“).

Zum Buch:

Betrachtet man nur den „groben“ Aufbau des Buches, will heißen Bindung, Buchdeckel, Schutzumschlag, so kann man den Eindruck eines solide gearbeiteten Bandes gewinnen. Doch – leider – sind es hier die Details die Abzüge in puncto Qualität einbringen. Das verwendete Papier ist von eher minderer Qualität, ausgesprochen faserig und grob, was wiederum der Aufbringung der Druckerschwärze nicht gerade förderlich war. So finden sich einige recht unschöne Mankos im Schriftbild (siehe hier).

Erstaunlich gut in Anbetracht dieser Umstände sind die in die Geschichten eingestreuten Schwarz-Weiß-Illustrationen von Dieter Tucholke ausgeführt resp. abgedruckt.

Buchdaten:

  • Titel: „Wer stiehlt schon Unterschenkel“
  • Autor: Gert Prokop
  • Umfang: 328 Seiten
  • Verlag: Verlag Das Neue Berlin; Auflage: 1977
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 409-160/129/77 · LSV 7004
  • Größe: 20,4 x 12,6 x 2,4 cm

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2 thoughts on “Von der Größe im Kleinen – Rezension zu „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ von Gert Prokop

  1. Alexander Baumbach

    Ich habe schon länger den „Samenbankraub“ von Prokop hier zu liegen, seit neuestem auch „Die Phrrks“, wollte aber erst die Unterschenkel lesen, bevor ich mich reinstürze. Danke für die Rezension!

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    1. Buchwanderer Post author

      Lieber Alexander, danke für die Blumen 🙂 . Hatte von einem sehr lieben Freund – Sven Svenson – das Buch „Der Samenbankraub“ erhalten und anschließend festgestellt, dass es sich dabei um den einen Teil der zwei Bücher handelte. So machte ich mich in den Untiefen des Internets auf die Suche nach dem zweiten Teil und wurde auf ZVAB fündig. Für den zweiten Teil habe ich bereits eine Rezension geplant. Diesen zweiten Teil finde ich in Hinblick auf die Figur des Tiny erheblich facettenreicher, farbiger, wenngleich auch Band 1 recht unterhaltsam ist. Liebe Grüße Wolfgang

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