Die dünne Schicht der Zivilisation – Rezension zu „Die Bäume von Eden“ – Klaus Frühauf

By | 25. Mai 2019

"Die Bäume von Eden" - Klaus Frühauf„»Man gewinnt den Eindruck unsere Gesellschaft akzeptiere ausschließlich Jugendliche, Erfolgreiche und Sexualprotze. Oder gertenschlanke und dabei vollbusige Kätzchen. Haben Sie jemals eine Reklame gesehen, die mit normalen Menschen arbeitet? Einer solchen massiven Beeinflussung widerstehen auf Dauer nur Melancholiker oder Psychopathen.«“ (S.132)

Zum Inhalt:

Horst Bessow, der als Trainer einer DDR-Sport-Mannschaft einen einwandfreien Ruf genießt, irrt nach einem siegreichen Spiel durch London, belästigt weibliche Passanten und rettet sich vor dem empörten Mobb auf einen künstlichen Baum. Dort baut er sich ein Nest und verbringt die Nacht in luftiger Höhe. Doch dies bleibt beileibe kein Einzelfall. Ähnlich ergeht es einem japanischen Diplomaten einwandfreien Leumunds, sowie einem Schweizer Weinhändler, sowie noch einigen mehr.

Der Biologe Professor Roßberg wird nach London geschickt, zum einen da er ohnehin zu einem Kongress dort angemeldet ist, zum anderen um keine politischen wogen zu schlagen, indem man offizielle Ermittler schicken würde. Roßberg versucht sein Bestes Zusammenhänge und Hintergründe dieser Fälle ins Licht zu heben. Unterstützung erhält er dabei vom Polizeibeamten Blake. Zwischen den ungleichen Charakteren erwächst eine Freundschaft, ungeachtet der sozialen Differenzen, die beide Männer trennen.

Roßberg muss am eigenen Leib erleben, dass er sich mit seinen Nachforschungen mächtige Feinde geschaffen hat. Er entgeht nur knapp einem Überfall, sein Hotelzimmer wird durchsucht, er erhält Drohbriefe. Es liegt jedoch nicht in der Natur Roßbergs schnell die Flinte ins Korn zu werfen. Nicht ahnend, wen oder was auch immer er noch aufscheuchen wird, klemmt er sich hinter die Lösung des Falls…

Fazit:

Klaus Frühauf gelingt mit seiner Geschichte rund um den Biologen Roßberg ein flüssig zu lesender,spannender Krimi mit wesentlich mehr Aktualität und Tiefgang als der Klappentext vermuten lässt. Mit der sozialistischen Einfärbung des Erzählten wird in keinster Weise hinter dem sprichwörtlichen Berg gehalten. Keine Blöße, die sich eine kapitalistische Gesellschaft entlang des Handlungsstranges geben kann, wird ausgelassen, um auf die Vorzüge sozialistischer Gesellschaftsordnung hinzuweisen. So wird auch immer wieder, v.a. im Kontrast zwischen Roßberg und dem ihm an Herz gewachsenen Polizeibeamten Blake auf die Gräben zwischen beiden Weltansichten hingewiesen. Gleichwohl finden sich immer wieder Berührungspunkte, Menschliches, das verbindend wirkt.

Womit Frühauf in rigoroser Art und Weise ins Gericht geht ist die sich zuspitzende Entfernung des Menschen von seiner natürlichen Herkunft, seinen gewachsenen Bedürfnissen und Grenzen. Ebendiese Grenzen durch legale pharmakologische Produkte erweitern zu wollen oder gar via Gentechnik zu pervertieren, greift er eloquent immer wieder auf Neue auf. „Überhaupt war es ja nicht unbedingt diese Mittel, die für das eigentliche Risiko verantwortlich waren, das war vielmehr die von den Medien suggerierte Gewißheit, dass es für und gegen alles probate Medikamente gab, daß es endlich gelungen war, den natürlich entstandenen Steuerungsprozessen ein Schnippchen zu schlagen und sich damit dank der pharmazeutischen Industrie von der kreatürlichen Herkunft zu lösen. Das war die größte Gefahr.“ (S.129)

Bei der Lektüre beschleicht den Leser, der mit Sicherheit die ein oder andere aktuelle Werbung bezüglich ebensolcher Mittel schnell parat haben dürfte, dass diesbezüglich sich Frühaufs Text durchwegs problemlos in die Gegenwart transponieren ließe. So finden sich ohne Schwierigkeit mahnende Worte in Richtung Gentechnik: „Aber es war immerhin der Anfang eines ganz neuen Verhältnisses des Menschen zur Natur. In einigen Jahren würde man Leben am Reißbrett entwerfen und in der Praxis realisieren können, das der Natur nie gelungen war, Wesen, die den Bedürfnissen der Menschen weit besser entsprachen als die natürlich entstandenen Formen.“ (S.19)

Abgesehen von den politphilosophischen weltanschaulichen Untertönen, die sicher nicht ohne historische Relevanz sind, ist der Text ein gut gelungenes Stück der Social-SciFy, das zu lesen seinen speziellen Reiz hat.

Zum Buch:

Die Beurteilung des Bandes muss der Fairness, um nicht zu pauschalieren, halber unter mehreren Gesichtspunkten erfolgen. Zuerst die positiven Aspekte: Die Typografie, für die Peter Hartmann firmiert, ist klar und geradlinig, dem Leser entgegenkommend. Ebenso ist der Umschlagentwurf von Stefan Duda stimmig, lässt Interpretationsspielraum, ohne sich inhaltlich zu weit vom Thema des Textes zu entfernen.

Und nun zu den leider handwerklich buchbinderisch überwiegenden negativen Seiten: Die Verleimung des Buchblockes ist schlich unterirdisch. Sowohl einzelne Seiten lösen sich, wie auch der gesamte Buchblock vom Umschlag. Der Druck der Deckel ist nicht sonderlich stabil, was die leichte Bereibbarkeit erklärt. Der Seitenbedruckstoff ist von minderer Qualität und auch im Druck sind einige Lapsus zu verzeichnen, die zwar störend sind, aber zum Glück den Inhalt nicht weiter beeinträchtigen. (Beispiele finden sich hier)

Summa summarum ein Buch welches handwerklich leider an die Qualität und den Anspruch des Textes auch nicht ansatzweise heranreicht, somit auch keinen würdigen Rahmen für die Erzählung bietet. eigentlich schade, den künstlerisch ist das Potential durchwegs gegeben, „weil er [Blake] in einer Welt lebte, deren Entfernung von seiner eigenen nicht in Kilometern, sondern in Jahrhunderten zu messen war.“ (S.205)

Buchdaten:

  • Titel: „Die Bäume von Eden“
  • Autor: Klaus Frühauf
  • Umfang: 224 Seiten
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig (1983)
  • Sprache: Deutsch
  • Lizenz-Nr.: 444-300/36/83 ⋅ 7004
  • Größe: 21,5 x 12,3 x 1,2 cm

P.S.: Ein sehr guter BLOG-Beitrag zu diesem Buch findet sich auch auch bei Alexander Baumbach.

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2 thoughts on “Die dünne Schicht der Zivilisation – Rezension zu „Die Bäume von Eden“ – Klaus Frühauf

    1. Buchwanderer Post author

      Lieber Alexander,
      dieses Lob aus Deiner Feder ist schon was besonderes für mich. Danke!
      Wolfgang

      Reply

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