Moral – nicht Aposteltum – Rezension zu „Eine Frage der Moral“ – Anatol Stefanowitsch

By | 11. Mai 2019

"Eine Frage der Moral" - Anatol Stefanowitsch„Den Befürworter/-innen politisch korrekter Sprache geht es… darum, sprachliche Ausdruckformen genau so nach moralischen Gesichtspunkten zu bewerten wie andere Aspekte menschlichen Handelns.“ (S.21)

Zum Inhalt:

Der 1970 in Berlin geborene Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch greift in dem kleinen Band aus dem Hause Duden ein oder vielmehr gleich mehrere heiße Eisen an. Zum einen den Begriff der Moral über den sich die begabtesten Köpfe der menschlichen Kulturgeschichte bereits trefflich zu streiten wussten, zum anderen jenen der Sprache und ihrer Ausprägung und last but not least jenes Eisen, welches sich „Politik“ nennt.

Der Text ist hierbei grob untergliedert in 5 Teile. „Zum Anfang“ wird eine Standortbestimmung für den Zielsetzung dieser Schrift umrissen, gefolgt vom Kapitel „Was politische korrekte Sprache ist und wer sie kritisiert“. Hier legt Stefanowitsch – auch anhand sehr aktueller politischer Rede-/Schreibgewohnheiten dar was Sprache in ihrem Ge-/Missbrauch für Akzente setzen kann. Er analysiert treffen, kurz und prägnant die Widerstände, sowie deren Beweggründe gegen eine „politisch korrekte“ Ausdrucksweise zu sein. Frappierend sind die durchweg logischen und nachvollziehbaren Schlüsse der Argumentationsketten Stefanowitschs, wie z.B. „Der Vorwurf der politischen Korrektheit ergibt sich also weniger aus einer informierten Sorge um Tradition, vielmehr aus dem dumpfen Gefühl, es wolle jemand Rücksicht auf eine Gruppe nehmen, der man diese Rücksicht nicht zugestehen will…“ (S.18)

Um einen Konnex geht es im dritten Teil der Streitschrift, der die Überschrift trägt, „Wie Sprache und Moral zusammenhängen“. Wobei er sich die goldene Regel in der praktischen Moralphilosophie beruft. „Die Grundidee der goldenen Regel ist einfach: Sie fordert uns dazu auf, unser potentielles Verhalten anderen gegenüber zunächst aus deren Perspektive zu betrachten (…) und dann zu entscheiden, ob wir dieses Verhalten akzeptieren würden.“ (S.24) Auch dem Problem des generischen Maskulinums widmet sich der Autor in diesem Teil des Textes.

In seinem Abschluss „Zum Schluss“ fixiert Stafanowitsch noch einmal klar, worum es ihm in seiner „Streitschrift“, wie er den Text selbst nennt (S.19), geht: „Es geht den Befürworter/-innen politisch korrekter Sprache allgemein, und mir mit dieser Streitschrift im Besonderen, nicht darum, irgend jemandem Sprachvorschriften zu machen – ich bekenne mich zwar zur Moral, aber nicht zum Aposteltum.“ (S.61)

Fazit:

Selbst wenn man sich intensiv mit der Wirkung, dem Gebrauch und der subtilen Klangvielfalt von Sprache lange Zeit auseinandergesetzt hat, wird man manches Mal stumpf in seiner Wahrnehmung. Diese wieder zu schärfen versteht der Text von Anatol Stefanowitsch auf ausgezeichnete Art und Weise. Mit jeder Zeile spürt man ein profundes Wissen im das Innere der Sprache, ebenso wie die humanistische Denkweise einer Sprache für den Menschen und der verständlichen Artikulation seiner Belange. Verknüpft mit einem Bestreben des diskursiven Konsens‘ macht den Text Mut sich mit geschärftem Verstand und geschliffener Feder einer Sprache zu bedienen, die verbindet, anstatt zu trennen.

„Der offensichtlichste Ausweg aus diesem Dilemma, und der der von allen Befürworter/-innen politisch korrekter Sprache vorgeschlagen wird, ist der, den tatsächlich Betroffenen zuzuhören, wenn sie darüber reden, was sie als diskriminierend empfinden – statt mich in die Lage anderer hineinzufantasieren also auf die zu hören , die tatsächlich in dieser Lage sind.“ (S.48)

Zum Buch:

Das Buch stammt aus einer im Großen und Ganzen ähnlich gestalteten Reihe aus dem Hause Duden. Sie alle weisen dieselben Mängel und Stärken auf. Deshalb sei hier auf diese in der ausführlichen Darstellung dazu hier verwiesen.

Buchdaten:

  • Titel: „Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“
  • Autor: Anatol Stefanowitsch
  • Umfang: 64 Seiten
  • Verlag: Duden-Verlag; Auflage 2018
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-411-74358-2
  • Größe: 19,0 x 10,5 x 0,6 cm

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