Welchen Wolf du nährst – Rezension zu „Mondenwende“– Oliver Jungwirth

By | 29. September 2018

Welchen Wolf du nährst – Rezension zu „Mondwende“– Oliver Jungwirth„Es gibt das Gefühl, das sich hin und wieder in einem breit macht, ohne dass man genau sagen kann, wo es herkommt. Das Gefühl, dass gerade etwas passiert, was nicht passieren sollte. Ein Stein ins Rollen gebracht wird, was letztlich nur in einer Lawine enden kann.“ (S.25)

Zum Inhalt:

Die Dämonen haben René nicht verlassen. Um nicht zum absoluten Soziophobiker zu werden, fasst er den Beschluss seine selbstgewählte Eremitage zu beenden, wieder auf Menschen zuzugehen. Die Welt in die er zurückkehrt hat sich jedoch verändert – und nicht zum Besseren.

Der Journalist Simon wittert im Auftauchen des nicht ganz unbeschriebenen René (s)eine Chance sich in der Presseszene zu profilieren. Er bemüht sich um ein Interview mit dem Plattenboss, nicht ahnend, welches Labyrinth an Intrigen und Fallstricken er betritt. Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Konkurrenzkampf mit seiner Journalistenkollegin Regina belanglos. Beiden wird sukzessive klar, dass sie ihn ihrem Berufswettstreit zu Mittätern einer Apokalypse wurden, deren Spielregeln sie erst viel zu spät erahnen.

Fazit:

Oliver Jungwirth könnte man als einen Textartisten der Ellipsen und des Flattersatzes bezeichnen. Sprachlich frisch, von getragen bis grammatikalischem Staccato stets am Puls des plastisch Geschilderten bleibend versteht er es Spannungsbogen auf Spannungsbogen zu legen.

„Mondenwende“ ist kein Text, den man abschließend weglegt, zum Tagesgeschäft übergehend. Dazu trifft Jungwirth allzu oft den Nerv des uns umgebenden Alltäglichen. Sei es in Form von Pressemeldungen, sei es in Begegnungen und Gesprächsfetzen in U-Bahn, Zug oder Beisl. Er legt den Finger auf jene empfindlichen Stellen, die unter dem Namen Zivilcourage subsummiert werden können. Stellen, die wir nur allzu gerne bei anderen zu finden wünschen, uns selbst in ihrem Licht aber nur selten exponieren wollen.

Es geht um Eigenverantwortung, um das Ausrichten des eigenen moralischen Kompasses. Vergebens sucht man dabei einen moralisch mahnenden Zeigefinger. Vielmehr entdeckt man Parallelen zur Tagespresse, zu politischem Kleingeld, zu Themen wie Migration, Integration, Ausländerhass, Pressfreiheit und wie ein ganz individueller Umgang damit gelingen – oder nicht gelingen kann. Wer die Gegenwartspolitik und jene der letzten Monate / Jahre auch nur am Rande mitverfolgt hat, wird um das ein oder andere aufrüttelnde Déjà-vu nicht umhinkommen.

Aus meiner Sicht ein ausgesprochen spannender Roman, der erneut zeigt, dass in der zeitgenössischen österreichischen Autorenschaft durchwegs talentierte Schriftsteller zu finden sind, die abseits des Mainstream solides Texthandwerk schaffen. Die Prämisse des Autors, dass das Buch auch ohne Kenntnisse über dessen ersten Band „Sonnenglaster“ verständlich sei (siehe Seite 509), kann ich voll und ganz bestätigen.

Zum Buch:

„Mondenwende“ präsentiert sich in dezent gehaltenen Farben der Umschlaggestaltung, beinahe minimalistisch anmutend, künstlerisch bezugnehmend auf den Text und ästhetisch ausgewogen. Ein klares Druckbild auf festen Seitenbedruckstoff, eine gute und saubere Verleimung, sowie eine klare flüssig lesbare Schrift tun das ihre dazu, den Text sowohl haptisch wie optisch positiv zu unterstützen.

Auffällig ist der für einen Roman unübliche Flattersatz, der als Stilmittel jedoch passend gewählt wurde. Summa summarum hält der Leser ein wohlgestaltetes Buch in Händen, welches handwerklich einen sehr guten Eindruck hinterlässt.

Buchdaten:

  • Titel: „Mondenwende“
  • Autor: Oliver Junwirth
  • Umfang: 512 Seiten
  • Verlag: Creative Turtle Productions
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-2000-5734-0
  • Größe: 20,3 x 12,6 x 3,0 cm

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